Der Welterbetitel steht ständig auf dem Prüfstand - das zeigt die Situation in Venedig. Kreuzfahrtschiffe und unkontrollierte Massen an Touristen gefährdeten dort den Welterbestatus. Um das Prädikat für Bad Kissingen weiter zu sichern, hat sich der Stadtrat dazu entschlossen, ein Kommunales Denkmalkonzept (KDK) zu erstellen. Das heißt: Ein Regelwerk, in dem festgeschrieben ist, worauf Investoren zu achten haben. Christine Schwind, die städtische Bauamtsleiterin, macht deutlich: "Ziel ist, ein positives Investitionsklima zu schaffen. Das Welterbe darf nicht abschreckend wirken, wir müssen zeigen, dass städtische Entwicklung mit dem Titel möglich ist."

Was in einem einstimmigen Stadtratsbeschluss für das KDK mündete, kommt jedoch nicht überall positiv an. Niko Rotschedl ist als Investor in Bad Kissingen tätig - unter anderem arbeitet er am Prinzregentenpark im Bahnhofsumfeld. Er sieht die möglichen Änderungen - beispielsweise an der Gestaltungssatzung - kritisch.

Rotschedl: "Es braucht eine Vision"

"Mir stellt sich die Frage, wo daran der Mehrwert ist. Es gibt doch bereits eine Vielzahl an bestehenden Regeln. Ich weiß nicht, ob eine weitere Regelung sinnvoll ist", äußerte er sich im Gespräch mit unserer Redaktion. "Ich sehe ein weiteres Thema, was bei der Prüfung eines Bauantrags noch mitgeprüft werden muss." Er hat Bedenken, dass die Auflagen schlimmstenfalls zu konservatorisch sind. "Es braucht eine Vision, die kein enges Konzept ist, mit der sich Baulücken im Rahmen der bereits bestehenden rechtlichen Möglichkeiten schließen lassen."

Von Seiten des Bauamts sei ein solches Konzept notwendig. "Wir schwimmen manchmal noch etwas. Wir wünschen uns mehr Klarheit", sagt Christine Schwind. Ihre Mitarbeiter arbeiten "nach bestem Wissen und Gewissen". Denn es gilt Großprojekte und die Anforderungen der Unesco in Einklang zu bringen. "Vieles ist sehr abstrakt. Bauvorhaben dürfen beispielsweise den Outstanding Universal Value (OUV) nicht beeinträchtigen", sagt Christine Schwind. Dieser englische Fachbegriff beschreibt für den Welterbetitel wichtige Aspekte, wie beispielsweise Blickachsen. Ab wann Werte des OUVs bei einem Bauprojekt beeinträchtigt sind, muss bislang in mühsamer Arbeit von Christine Schwind und ihren Mitarbeitern im Bauamt geklärt werden. "Durch das KDK soll die Situation fassbarer und konkreter sein. Es ist einfacher für alle. Man weiß von Anfang an, woran man ist", betont sie. Am Ende könnte eine mehrseitige Broschüre mit den verschiedenen Schutzinstrumenten - beispielsweise Gestaltungssatzungen stehen.

OB Vogel: "Ich finde das sehr attraktiv"

"Wenn ich umbaue oder baue, erfahre ich dort was ich zu beachten habe. Das legitimiert und gibt Grundlagen. Ich finde das sehr attraktiv", sagt OB Dirk Vogel (SPD). "Über das KDK haben wir ein klares Setting zum in die Hand geben, um Unsicherheiten zu nehmen." Der OB kennt ein solches Regelwerk bereits aus Baden-Baden.

Bis die Kissinger Broschüre fertig ist, dauert es jedoch noch. Drei Phasen sind bis zur Umsetzung 2024 zu durchlaufen. Im ersten Modul geht es um die Erfassung des Bestands. In der zweiten Stufe beschäftigen sich Experten mit den vorhandenen Bauregularien und scannen diese auf Lücken ab. Daraus entstehen Empfehlungen, zum Beispiel Teile von der Gestaltungssatzung abzuändern. Anschließend berät der Stadtrat darüber, ob die Impulse in der dritten Stufe umgesetzt werden.

Die Kosten liegen bei 80 000 Euro. Eine Förderung von bis zu 80 Prozent ist möglich. Am Ende stünde ein städtischer Eigenanteil für die ersten beiden Stufen von 16 000 Euro. Die Summe soll auf zwei Haushalte verteilt werden.

"Dabei handelt es sich um reine Personalkosten", teilt Dr. Thomas Gunzelmann vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege mit. Diese entfallen auf zwei Büros. Eines soll sich mit Schutz-Aspekten, das andere mit Stadtplanung beschäftigen. "Wir sind als Behörde beratend im Hintergrund aktiv. Kommunen sollen vor Ort selbst planen und entwickeln. Federführend ist die Kommune." Er fügt an: "Normalerweise ist die Denkmalpflege reaktiv. Das heißt: Wir rennen hinterher, wenn etwas nicht passt. Hier machen wir es umgekehrt: Wir gehen vorher ran."

Investor Niko Rotschedl befürchtet, dass die Broschüre möglicherweise das Gegenteil von dem bewirkt, was erhofft wird. Er meint: "Wenn zu lesen ist, dass dies oder jenes nicht geht, schreckt das eher ab." Sein Vorschlag: "Jedes Bauvorhaben sollte individuell mit der Bauaufsicht erarbeitet werden. Diesen Dialog und die Diskussionen darf man nicht verlieren, um Bad Kissingen in eine gute Zukunft zu führen." Er fügt an: "Ich habe Angst, dass es vielleicht zu statisch wird und man nicht mehr sagt: ,Komm, wir schauen im Rahmen der bisher geltenden Regeln nach einem gemeinsamen Weg.'"