Sie haben alle möglichen Tipps befolgt und können trotzdem nicht einschlafen? Vielleicht liegt es daran, dass Sie nach der Einordnung der Chronobiologie eine Eule sind. Eulen werden erst später müde als die Lerchen, die eher Frühaufsteher sind. Zu welchem Typ eine Person zählt, ist in den Genen verankert.

Die Entdecker des Mechanismus hatten 2017 einen Nobelpreis dafür erhalten. Der durch eine Blutprobe messbare DLMO (Dim light Melatonin Onset) ist der Zeitpunkt, zu dem Abends die Melatoninausschüttung beginnt. Mit diesem Thema beschäftigt sich Michael Wieden seit 2002. Als Wirtschaftsförderer hat er die Chronobiologie 2012 nach Bad Kissingen gebracht.

Im August 2013 startete das Projekt "ChronoCity".In Zusammenarbeit mit Professor Till Roenneberg, Professorin Martha Mearrow (beide LMU München), Dr. Thomas Kantermann (Universität Groningen/Niederlande) und der Staatsbad Bad Kissingen GmbH führten die Beteiligten in Bad Kissingen mehrere Projekte durch. Ziel sei es gewesen, vorhandene Kur- und Therapieplätze langfristig zu verbessern, aber auch die Lebensqualität für die Bad Kissinger zu steigern.

Projekte an der Hescuroklinik und am "Eli"

Die drei größeren Vorhaben: An der Hescuroklinik sei das Personal chronotypisiert und entsprechend eingeteilt worden. Das Ziel war, die Schichtpläne zu verbessern, die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter zu steigern und Fehlzeiten zu reduzieren. Nach einem Wechsel der Leitung habe die Zusammenarbeit jedoch nicht mehr so gut geklappt, so Wieden.

Das zweite Projekt: Im Elisabethkrankenhaus sollte es eine Studie mit einem Leuchtenhersteller geben. "Die Studie sollte herausfinden, ob sich ein spezielles Licht innerhalb der Räumlichkeiten der Wochenbettstation positiv auf Wochenbettdepressionen der Mütter auswirkt", erklärt Wieden.

Nachdem Helios das Krankenhaus kaufte, hätte die neue Leitung zugesagt, das Projekt weiterlaufen zu lassen. Als sie kurz davor waren, das Lichtsetting anzubringen, sei die Geburtenstation jedoch geschlossen worden.

Späterer Schulbeginn für die Schüler?

Im Gymnasium habe es mehrere Projekte gegeben. Was nicht geklappt habe, sei der spätere Schulbeginn, "auch wenn Schulleiter Frank Kubiza sich sehr dafür eingesetzt hat", erinnert sich Wieden. Dafür hätte das Landratsamt den ÖPNV miteinbeziehen müssen, da viele Schüler aus weiter entfernten Orten kommen. Denn junge Menschen tendieren eher dazu, zu den Spättypen zu zählen - mit einer Aufwachzeit von circa acht Uhr morgens.

Daher Plan B: "Es gab Lampen mit blauem Licht. Das führt dazu, dass weniger Melatonin ausgeschüttet wird und die Schüler dadurch besser wach werden." Und: Es gab eine Empfehlung an alle Lehrer, keine Arbeiten vor 10:00 Uhr schreiben zu lassen.

Ein weiteres Projekt war ein P-Seminar. "Dafür haben sich doppelt so viele Schüler beworben, als es Kapazität gab. Etwa 15 Personen haben daran gearbeitet, über 600 Schüler zu chronotypisieren und deren Noten zu vergleichen." Das Ergebnis habe deutlich gezeigt, dass die meisten Schüler eher Spättypen sind.

Die Innere Uhr

Neben diesen Projekten seien weitere kleine geplant gewesen. Beispielsweise, die Brunnenzeiten anzupassen. Manches Wasser sollten die Gäste nur zu bestimmten Zeiten trinken. Doch 7 bis 9 Uhr morgens sei in der Sommerzeit für den Körper 8 bis 10 Uhr. So wäre die Zeit auf die innere Uhr der Menschen angepasst.

Ein anderes Projekt wäre mit der Firma The Photon Space, die Glashäuser herstellen: "Die hätten ein Glashaus für 300 000 Euro gesponsert und dahingestellt", sagt Wieden. Leider hätten es Probleme bei der Suche nach einem geeigneten Platz gegeben.

Divergierende Erwartungen

"Im Nachgang war ich gegen Ende eher unzufrieden. Mit dem neuen Stadtrat fehlte die Unterstützung." Wieden sah sich als Chronobiologie-Vertreter, der damit auch die Wirtschaft in der Kurstadt fördern kann, der Stadtrat habe ihn als Wirtschaftsförderer gesehen, der sich auch um die Chronobiologie kümmert.

Das bestätigt Bernd Czelustek, Fraktionssprecher der SPD Bad Kissingen: "Ja, ich glaube, dass der Stadtrat dem Thema nicht so die Priorität beigemessen hat, wie Herr Wieden. Die Frage war auch: Ist Chronobiologie jetzt das Thema, das Bad Kissingen nach oben spülen kann?"

In anderen Städten habe Wieden dann neue Projekte umgesetzt. Zum Beispiel: Wie ist es, wenn das Personal ein halbes Jahr lang ohne Wecker aufwacht und zur Arbeit kommt? Die Ergebnisse sind auf seiner Website zu finden (Wieden.com).

Ob es in Bad Kissingen seitdem noch Projekte zu dem Thema gebe? "Nichts von dem ich wüsste. Den Namen hat meine Firma der Stadt abgekauft", sagt Wieden. Der Pressesprecher der Stadt Bad Kissingen Thomas Hack bestätigt zumindest, dass Bad Kissingen sich nicht mehr ChronoCity nennt und derzeit keinerlei Aktivitäten in Richtung Chronobiologie weiterentwickelt.

Kur neu definieren

Wieden habe "versucht Bad Kissingen eine Marke zu geben, ein Alleinstellungsmerkmal, was es so nirgendwo auf der Welt gibt." So wäre die Stadt für Investoren interessant geworden, hatte er gehofft. Bad Kissingen hätte die Möglichkeit gehabt, das Thema Gesundheit und Kur neu zu definieren und auf neuen Fuß zu stellen. Um das Thema Schlaf und innere Uhr hätte die Stadt laut Wieden eine Geschichte spannen können. Das Thema habe viel Potenzial gehabt.

Laut Wieden war "ChronoCity" medial erfolgreich: "Der sogenannte Anzeigenäquivalenzwert lag 2015 und 2016 bei je drei Millionen Euro." Dieser Wert sagt aus, wie viel Geld Bad Kissingen in die Hand hätte nehmen müssen, um die Fläche von für sie kostenfreien Artikeln in Anzeigen mit Werbung für die Stadt zu bezahlen.