Im Herbst bastelt es sich besonders gut. Dunkelrote Ahornblätter, Kastanien und Eicheln mit ihrer glatten Schale oder auch orange leuchtende Kürbisse. An jeder Ecke in der Natur findet sich schönes Material. Das finden auch die Kinder von "Haus 7" im Caritas-Kinderdorf. Umso größer ist die Freude, als der erwartete Besuch eintrifft, damit endlich losgelegt werden kann. Teelichtschirme, Halloween-Kürbisse und Kastanienketten basteln sich schließlich nicht von alleine. Deshalb schnappt sich der siebenjährige Aaron gleich Landrat Thomas Bold an der Hand und ruft überschwänglich: "Toll, jetzt können wir bohren!" Schnell hat sich das Team eingespielt. Der Politiker ist für die Löcher in den Kastanien zuständig, Aaron fädelt sie auf eine Schnur - und im Nu ist die erste Kette fertig.
Er wolle den Alltag der Kinder und ihrer Betreuer miterleben. "Es ist schon ein Unterschied, ob man sich am Schreibtisch Zahlen anschaut oder ob man für ein paar Stunden in die Gruppen geht", berichtet der Landrat im Nachhinein. Bei öffentlichen Terminen besichtige man zwar die Gebäude, bekomme aber von der Arbeit in den Gruppen nichts mit. Deswegen sei er von der Aktion Rollentausch überzeugt, an der er schon zum wiederholten Male teilnehme.
Domkapitular Clemens Bieber ist der zweite Besucher, der für diesen Nachmittag in die Rolle eines Erziehers schlüpft. "Die Kinder haben auch eine Rolle in der Hausgemeinschaft, die ich kennenlernen will", sagt er.
Während Bieber ein Stück Karton bemalt, unterhält er sich mit den Kindern, fragt sie nach ihren Hobbys aus. So erfährt er beispielsweise von dem 17-jährigen Michael, dass er gerade eine Ausbildung zum Koch angefangen hat, in seiner Freizeit leidenschaftlich Judo trainiert und am liebsten Rockmusik hört. "Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen nachher gerne mein Zimmer zeigen", lädt der Jugendliche die Besucher zu einem kleinen Rundgang durch die Einrichtung ein.
Je länger sich die Hospitanten in der Gruppe aufhalten, umso offener werden die Kinder. Geschichtchen werden erzählt und die Lieblings-Kuscheltiere hervorgekramt. "Ein Haus ist mehr als nur ein Dach über dem Kopf", findet Domkapitular Bieber, der als Vorsitzender des Diözesan-Caritasverbands Würzburg regelmäßig in Kontakt mit Kinderdorfleiter Stephan Schilde steht. Er weiß, wofür die Einrichtung steht: Das Kinderdorf sei mehr als eine kostengünstige Unterkunft, sondern vermittle den Kindern Geborgenheit als Ersatz dafür, was ihnen im normalen Leben fehle. "Wir müssen ihnen diese Geborgenheit und Zuwendung geben", betont er. "Es ist wichtig, dass sich beispielsweise Herr Bold die Zeit für die Aktion nimmt und so auf die Arbeit, die hier geleistet wird, aufmerksam macht", führt Bieber weiter aus.
Die Kinder von "Haus 7" haben hier ihren Lebensmittelpunkt und bleiben jahrelang im Kinderdorf. Die Betreuer müssten deshalb das ganze Jahr rund um die Uhr für sie da sein, auch in den Ferien, am Wochenende und an Weihnachten. Er sehe die Aktion als Chance, um Politiker ohne konkreten Anlass für die Einrichtung zu gewinnen. Karitative und soziale Institutionen seien ohnehin auf die Unterstützung der öffentlichen Hand angewiesen.