Wenn zwei Menschen Jahrzehntelang ihr Leben miteinander teilen und im Alter stirbt ein Partner, dann ist das für die Hinterbliebenen oft eine Katastrophe. Der Tod seines Mannes Klaus Eichholz-Gärtner (82) hat Lothar Gärtner (73) in ein tiefes Loch gerissen - so tief, dass er in seiner großen Trauer erst einmal nicht daran glauben konnte, wieder echtes Glück zu erleben. "Es gibt Situationen im Leben, da denkst du vorher, die schaffst du nie", erzählt der Maler aus Bad Kissingen. Da denkst du, wenn dir das passiert, dann zerbrichst du daran. Aber: "Der alte Mensch weiß, dass er wieder aus dem Loch herauskommt. Am Ende packst du es, weil du einfach nur noch funktionierst", sagt er. Er sei kein Tausendsassa, kein Draufgänger, der privates Leid leicht verarbeitet. Aber er wisse auch, dass es im Leben nur weitergeht, wenn man nicht in Selbstmitleid zerfließt.

Der fast zehn Jahre ältere Klaus Eichholz war die große Liebe für Lothar Gärtner. Fast 50 Jahre haben sie miteinander verbracht. "Das ist ein Menschenleben", meint Gärtner. 1998 zog das homosexuelle Paar nach Bad Kissingen in eine geräumige Wohnung hoch oben am Staffels. Der Maler beschreibt sich als geselligen Menschen; als einen der gern durch die Stadt schlendert, sich in Cafés setzt und dort mit den Leuten plaudert. Er brauche es, Menschen an sich heranzulassen. Ohne den Kontakt funktioniere seine Kunst nicht.

Das Pflegen seiner Bekannt- und Freundschaften hatte Gärtner für seinen Mann in den vergangenen Jahren immer weiter eingeschränkt. "Er hatte viel mitgemacht und war ein Pflegefall", sagt er. Die vergangenen 15 bis 20 Jahre hat er sich um ihn gekümmert. Zuletzt kam zu allen körperlichen Gebrechen noch eine Demenzerkrankung dazu, der geliebte Mensch näherte sich seinem Ende. Im März 2020, ausgerechnet im ersten Lockdown, verschlimmerte sich der Zustand von Klaus Eichholz gravierend - die letzten Tage verbrachte er nicht mehr zuhause, sondern in einer Klinik. Lothar Gärtner durfte Pandemiebedingt nicht bei ihm sein, nur ein allerletzter Abschied am Sterbebett war ihm möglich. "Er ist dann in meinem Armen eingeschlafen, aber ich glaube, er hat mich nicht mehr gehört" erzählt Lothar Gärtner leise.

Sturz in Abgrund aus Trauer und Schmerz

Da war er: Der Sturz in das Loch. Einsam zuhause mit der Trauer und dem Schmerz eingesperrt. Der Lockdown verhinderte es, dass Lothar Gärtner sich mit Menschen umgeben konnte - den Kontakt hätte er in der Situation dringend gebraucht. "Es war Scheiße. Ich war nur noch ein Schatten meiner selbst." Es hat ein dreiviertel Jahr gedauert, bis er aus dem Loch wieder heraus war. Seitdem hat er seinen Lebensmut wiedergefunden, sein offenes Lachen und kann Sätzen sagen wie: "Glücklich zu sein, das erlebe ich jetzt, wie ich es Jahre nicht erlebt habe!"

Der Grund dafür ist 32 Jahre jünger, heißt Christian Fischer und ist ebenfalls ein Mensch, der in den vergangenen Jahren ein Paket voller Ballast mit sich herumschleppen musste. Kennengelernt haben die beiden sich auf einer privaten Feier vor drei Jahren. Während Lothar Gärtner zu dem Zeitpunkt noch ganz mit der Pflege seines schwerkranken Mannes beschäftigt war, steckte Christian in einer toxischen Beziehung fest, in der er von seinem Partner vernachlässigt wurde. Heute sagen beide, dass bereits beim ersten Treffen Gefühle füreinander da waren, die damals aber noch geschlummert haben. Sie blieben in losen Kontakt, telefonierten ab und zu miteinander, um sich zu erkundigen, wie es dem anderen so ergeht. "Es war ein ehrliches, aufrichtiges Interesse am anderen", sagt Lothar Gärtner. Christian sei insbesondere nach dem Tod seines Mannes für ihn da gewesen und habe ihn unterstützt.

"Ich habe Lothar in der Zeit ziemlich leer erlebt, deprimiert und nach Hilfe suchend", erzählt der 41-Jährige aus Hildburghausen. Christian Fischer ist selbst einer, der sein ganzes Leben auf der Suche war nach den Dingen, die seinem Leben Erfüllung geben. Beruflich machte der Thüringer eine Lehre zum Elektriker, verpflichtete sich danach als Soldat bei der Bundeswehr und diente bei Einsätzen im Ausland. Noch bei der Bundeswehr entschloss er sich, eine Ausbildung als Erzieher zu durchlaufen. Heute arbeitet er in einem Kinderdorf, wo er sich um Kinder und Jugendliche kümmert, die aus schlimmen familiären Verhältnissen kommen.

Sein privates Glück hat er bei Lothar Gärtner gefunden. Er sagt: "Bei ihm spüre ich Vertrauen, Nähe, Fürsorglichkeit und Geborgenheit. Das habe ich vorher nie erleben dürfen." Der Kontakt wurde nach dem schicksalhaften Frühjahr 2020 enger; die beiden Männer, die jeder für sich eine schwere Zeit durchgemacht hatten, näherten sich einander an. Dann an Weihnachten sagte Christian Fischer die entscheidenden Worte: "Wenn du mich willst, bin ich für dich da, aber dann wirst du mich nicht mehr los."

Worte, die alles verändern

"Als er das erste Mal ,Ich liebe dich' gesagt hat, ging das mitten ins Herz", sagt Lothar Gärtner. Sofort waren die Schmetterlinge im Bauch wieder da und er fühlte sich wie ein Teenager, der diese Worte gerade zum ersten Mal im Leben gehört ha. Er habe sich nicht vorstellen können, so schnell wieder eine Beziehung einzugehen. Aber: "Was ist zu schnell, wenn man 73 Jahre alt ist?", fragt Lothar Gärtner. Er habe die eigene Sterblichkeit vor Augen. Die neue Beziehung schmälert jedenfalls nicht die Gefühle, die er für Klaus hatte. "Er hat mich und mein Leben geprägt", meint Lothar Gärtner über seinen verstorbenen Partner und erzählt: "Er würde sich freuen, wenn er uns so sehen würde. Klaus ist ein Teil unseres Lebens, wir gehen zusammen auf den Friedhof und sprechen Gebete, seine Bilder hängen in der Wohnung, er gehört dazu."

Welche Zukunftspläne hat ein 73-Jähriger, der frisch verliebt ist? Höchstens die für den nächsten Urlaub auf Fuerteventura; denn das bedeutet, dass Christian mindestens noch so lange bei ihm bleiben werde, scherzt der Maler. Und wird sofort wieder ernst: "Wir schätzen es im Moment vor allem, zusammen zu sein. Das ist für mich viel wichtiger, als irgendwelche Ziele, wie den Himalaya hochzuklettern." Das sieht sein jüngerer Partner ähnlich: "Wir sind beide keine 25 mehr. Die Frage nach Haus und Kind stellt sich für uns nicht." Einen kleinen Wunsch hat Lothar Gärtner dann aber doch, nach Jahren des Einschränkens aus Rücksicht. "Ich möchte lernen, wieder auszugehen", sagt er. Das gehört bei ihm zum glücklich sein dazu.