Fast sein ganzes Leben hat Fred Hilsdorf in Geroda verbracht; er wurde in dem Rhön-Örtchen geboren. Der 72-Jährige erinnert sich nur an ein richtig gewaschenes Hochwasser. Das geschah in seiner Kindheit. Damals, an einem August-Tag, seien nach starkem Regen und ordentlich Sturm die Straßen in der Ortsmitte ziemlich hoch überflutet gewesen. Eine leistungsfähige systematische Entwässerung gab es noch nicht. Geröll habe auf der Straße gelegen.

Der viel jüngere Bürgermeister Alexander Schneider nennt das Jahr 2018, als das letzte Mal stärkerer Regen auf den Ort und seine Umgebung niederprasselte. Die Felder ringsumher seien frisch umgepflügt gewesen; eine dreckige Brühe floss von oben herab durch Geroda.

Trotz seiner Tallage hat der kleine Ort in der Rhön also die verheerende Kraft einer Flutwelle noch nicht wirklich erlebt. Hochwassermarken, wie sie viele Gebäude an den Ufern des Mains zieren, fehlen hier zum Glück.

Dennoch: Ein besonders heftiger Starkregen mit anschließender Sturzflut kann in Deutschland jeden Ort treffen. Das hat die historische Flutkatastrophe an Ahr und Erft vor reichlich zwei Monaten gezeigt.

Bürgermeister Schneider und sein Stellvertreter Hilsdorf halten es auch für notwendig, sich mit den Gefahren einer Sturzflut zu beschäftigen - und wie man zumindest ihre Folgen lindern kann. Das Risiko für Geroda und auch das höher gelegene Platz) schätzen sie aber nicht als so hoch ein.

"Unsere Topographie ist mit der des Ahrtals nicht vergleichbar", sagt Fred Hilsdorf. Und Alexander Schneider ergänzt: "Wir liegen am Anfang des Thulbatals." Der Niederschlag laufe vor allem aus den Feldern und den Schwarzen Bergen zusammen und über die Nebenfließe in die Thulba.

Der Bach zwängt sich in einem zwar tiefen, aber eng ummauerten Bett durch den Ort. "Wenn viel Wasser kommt, ist die Thulba voll", merkt der Bürgermeister noch an. Zumal ja in der Ortsmitte zum Beispiel der Sembach von Schildeck her hinzustoße. Besonders rund um das Bürgerhaus bestehe die Gefahr, dass der Bach über seine steinerne Rinne hinwegtritt.

Thulbaabwärts sehen sowohl Schneider als auch Hilsdorf das Risiko hingegen schwinden. Denn das Tal läuft dort sanft und breit aus.

In der jüngsten Sitzung der Brückenauer Rhönallianz ließen sich die acht Bürgermeister der Mitgliedsgemeinden durch Uwe Seidl und Simon Herterich vom Wasserwirtschaftsamt Bad Kissingen zu einem "Integralen Konzept zum Sturzfluten-Risikomanagement" informieren, heißt es in einer Pressemitteilung der kommunalen Vereinigung. Ziel sei es, die Hochwassergefahr durch wild abfließendes Wasser zu minimieren. "Hierzu sollen Konzepte zur Risikominimierung erarbeitet und die Gefährdungslagen für häufige, mittlere und seltene Niederschlags- und Abflussereignisse ermittelt werden", heißt es. Im Fokus stünden bebaute Flächen.

Laut der Mitteilung ist ein solches Konzept eine vielfältige Aufgabe für Ingenieurbüros. "Erfahrungsgemäß erstreckt sich dies über einen Zeitraum von circa zwei Jahren." Der Freistaat Bayern fördere derlei Konzepte mit 75 Prozent der förderfähigen Kosten.

Auch Alexander Schneider hörte sich den Vortrag der Experten vom Wasserwirtschaftsamt an. Er wird den Gerodaer Gemeinderäten in einer der nächsten Sitzungen darüber berichten und "mit ihnen diskutieren, wie wir damit umgehen". Ähnlich werden es die anderen Bürgermeister der Rhönallianz tun.

Für Schneider steht aber jetzt schon fest: "Wir können in Geroda nicht für 200 000 Euro ein Konzept oder eine Studie machen." Das könne sich die kleine Gemeinde (nur wenig mehr als 800 Einwohner) nicht leisten.

Der Bürgermeister setzt auf eine Strategie der kleinen Maßnahmen vor Ort. Das heißt: Mit Hilfe auch von Fachleuten außerhalb des Wasserwirtschaftsamtes will er sich die landschaftliche Beschaffenheit in und um Geroda anschauen, mögliche Problemstellen erfassen lassen. Dann könne man, wo nötig, zusätzliche Wasserabläufe oder Durchlässe schaffen.

Auch will Schneider Kontakt zum Bürgermeister von Oberthulba aufnehmen. Dort wurde ja bereits eine Sturzfluten-Bewertung gemacht. Und der Ort liegt ebenfalls im Tal der Thulba; das Wasser, das in Geroda in den Bach fließt, kommt in Oberthulba an.

Die Brückenauer Rhönallianz strebt an, die vier Gemeinden im oberen Sinntal - also Wildflecken, Riedenberg, Bad Brückenau und Zeitlofs - gemeinsam über das Sturzfluten-

Risikomanagement untersuchen zu lassen. "Durch die verbindende Tallage erscheint eine übergreifende Betrachtung sinnvoll", heißt es dazu in der Pressemitteilung. Es gelte, auch die großen Flächen des Truppenübungsplatzes Wildflecken und des Staatsforstes mit einzubeziehen.

Für Alexander Schneider und Fred Hilsdorf ist das völlig okay. "Die Sinn ist ja ein viel größerer Bach als die Thulba", sagt Letzterer. Zudem seien die Flutfolgen für die talabwärts gelegenen Orte wie Zeitlofs möglicherweise viel heftiger, als sie für Geroda sein könnten.

Deswegen macht es für Schneider auch "keinen Sinn, ein komplettes Konzept über die Allianz-Gemeinden zu legen". Selbst die unmittelbar angrenzenden Gemeinden Schondra und Oberleichtersbach hätten andere Gegebenheiten als Platz und Geroda.

Eine mögliche Problemstelle fällt dem Ortschef übrigens schon ein: das kleine Wehr an der Thulba in der Ortsmitte, da, wo der Mühlgraben abzweigt. Es und eine kleine Straßenüberführung i der Ortsmitte könnten sich bei viel Wasser zu kritischen Stellen entwickeln.