Rund 20 Personen sind es diesmal, die vor dem Alten Rathaus auf Roland Heinlein vom Kulturbüro warten. Das Publikum ist bunt gemischt. Einige haben den Termin schon länger in ihrem Kalender angekreuzt. Andere wollten nur einmal spontan gucken, "was da gerade los ist". Gleich zum Einstieg präsentiert der Stadtführer einige Fakten zu dem Gebäude, das ursprünglich als Kurhaus "Drei Linden" errichtet worden war. Von 1928 bis 1996 diente es als Rathaus. Heute sind dort Bibliothek, Tourist-Info, Trausaal und die Bad Brückenauer Heimatstuben untergebracht. Hoch auf dem Kriegerdenkmal von 1911, das im Jahr 2000 im Rahmen einer großen Umbaumaßnahme in den Rathausplatz integriert wurde, ist der Schutzpatron St. Georg zu sehen.

Auf dem Weg zur Ludwigstraße macht Heinlein deutlich, dass durch Bad Brückenau schon immer eine wichtige Nord-Süd-Verbindung geführt hat. Diese alte Strasse war praktisch der Vorläufer der heutigen Autobahn A7. Auch in Bezug auf Ämter und Behörden sei man früher gut ausgestattet gewesen. So gab es in der Vergangenheit beispielsweise noch ein eigenes Amtsgericht, ein eigenes Finanzamt und die Post.


Historische Aufnahmen

"Das größte Problem bei den Stadtführungen ist der Verkehr in der Ludwigstraße", meint Heinlein mit einem Augenzwinkern, als der Gruppe ein paar motorisierte Fahrzeuge entgegen kommen. Die Störung ist nur kurz, und so fordert er die Gäste auf, den Blick auch einmal in die Höhe zu richten. Denn an einigen Häusern ist gerade im oberen Bereich noch historische Bausubstanz zu erkennen. Der Experte aus dem Kulturbüro greift derweil in seine Stofftasche und holt einige alte Bilder hervor. So können die Teilnehmer, die mittlerweile auf dem Marktplatz angekommen sind, gut vergleichen, wie das Zentrum früher ausgesehen hat und wie es sich heute präsentiert.


Überbleibsel vom Stadtbrand

Richtig spannend wird es, als Heinlein auf den großen Stadtbrand im Jahr 1876 zu sprechen kommt, "einen tiefen Einschnitt in die Geschichte der Stadt". Denn nicht nur ein Großteil des Ortskerns sei dem Feuer zum Opfer gefallen, auch das wertvolle Archivgut ging durch die lodernden Flammen fast gänzlich verloren. Wie groß die Hitze gewesen sein muss, demonstriert der Referent an zwei bis heute erhalten gebliebenen Anschauungsobjekten. Dabei handelt es sich um ein Bündel zusammengeschmolzener Schusternägel und um ein von enormer Hitze deformiertes Stück einer Kirchenglocke.

Ein optisches Highlight beim Rundgang ist zweifellos die heutige Altstadt. Das ehemals geschlossene Ensemble in typisch Rhöner Bauweise mit Holzschindelverkleidung lag früher vor der alten Stadt und wurde geprägt von Gasthöfen und Übernachtungsmöglichkeiten für durchziehende Fuhrleute. "40 bis 50 Gespanne pro Tag waren da keine Seltenheit", weiß Heinlein aus alten Überlieferungen. Aus diesem Grunde hatten sich dort auch etliche Handwerker wie Sattler oder Drechsler angesiedelt, die den Kutschern während der Rast ihre Dienste anboten. Denn etwas zu reparieren gab es nach langer Reise praktisch immer.


Bedeutung der Heilquellen

"Durch diese hohle Gasse muss er kommen", meint scherzend ein Kurgast, als sich die Gruppe im Gänsemarsch am Gasthaus "Stern" vorbei in Richtung ehemaliges Badehaus schlängelt. An das längst abgerissene Gebäude erinnert jetzt nur noch das Mosaik des Künstlers Fritz Otto Kaufmann. Es zeigt die Quellennymphe, die der Stadt zwei Heilquellen schenkt. Und so bildet gerade diese Darstellung für Heinlein eine gute Überleitung zum letzten Programmpunkt: "Wer über Bad Brückenau spricht, muss auch immer das Wasser erwähnen", so der Stadtführer. Das feuchte Element habe hier nicht nur eine gesundheitsfördernde Wirkung, sondern sei damals auch das gewesen, was heute der Strom ist, nämlich ein Antriebsmittel für Maschinen und Gerätschaften aller Art. Bauten wie die Dornmühle für das Getreide oder die Liebesmühle für die Papierherstellung erzählen noch von dieser Zeit.

Historische Stadtspaziergänge gibt es in Bad Brückenau übringes seit Anfang der 1990er. Die Exkursionen wurden lange mittwochs angeboten. Seit etwa fünf Jahren finden sie alle zwei Wochen samstags statt. Start ist immer um 14 Uhr am Alten Rathaus. Voranmeldungen von Einzelpersonen sind nicht nötig, für Gruppen empfiehlt sich eine kurze Kontaktaufnahme mit der Tourist-Info. Tel.: 09741/ 80411 oder 09741/ 3669. Dort gibt's auch einen Flyer zur Tour. Die nächste Stadtführung ist am nächsten Samstag, 26. September.