Fünf grüne Ufonauten im Rathaus und eine abschussbereite Rakete vor der Rathaustür - alle Jahre wieder war man bereit für den traditionellen Rathaussturm der 1. Großen Bad Brückenauer Karnevalsgesellschaft. Und so hörten die anfangs noch wenigen Zaungäste auf dem Marktplatz schon die Fanfarenklänge der anrückenden Karnevalisten, die zuvor wohl handstreichartig schon das alte Rathaus erobert und angesichts des Wetters zu einer Wärmestube umfunktioniert hatten.

Vor dem Rathaus angekommen und zum Sturmlauf formiert, begann Sitzungspräsident Frank Vogler nicht wie gewohnt mit launigen Worten. Er bat alle Anwesenden für einen Moment des Schweigens angesichts der Terroranschläge in Paris. "Wir haben lange überlegt, wie wir uns verhalten sollen. Aber eine Absage des Sturms hätte den terroristischen Absichten nur noch recht gegeben", erklärte Frank Vogler. Diese Haltung war im Vorfeld auch aus dem Rathaus zu hören.


Musikalische Unterstützung

Unterstützung beim Erstürmen des Rathauses hatte die Mannschaft der Brückenauer Karnevalisten durch Abordnungen aus Ebenhausen, Hammelburg, den Ascheberger Wolkenkratzern und den Freunden aus Hofbieber, die auch ihren Fanfarenzug ins Gefecht schickten. Auf Brückenauer Seite war die "heimliche Stadtkapelle", die Georgibläser, für die musikalische Unterstützung zuständig.

An den Fenstern des Rathauses konnten Belagerer und Zuschauer kein einziges vertrautes Gesicht aus Verwaltung und Stadtrat entdecken, lediglich die Handvoll grüne Männchen lugten verschüchtert hervor. Im Gegenteil, manch Stadtrat, sofern er nicht gänzlich durch Abwesenheit glänzte, hatte sich klammheimlich unter die Sturmtruppen gemischt. Nach dem nebulösen Start der Rakete vor dem Rathaus ergriff eins der Männchen, Ufonautin Brigitte verschüchtert das Wort: "Wir haben eure Bürgermeisterin soeben auf den Mond geschossen und sorgen jetzt selbst hier für Ordnung."


Mit Prinzessin Valerie I.

Die Frage, ob sie ein Regierungskonzept hätten, mussten sie aber im Gegensatz zu den Karnevalisten verneinen. Das Regierungskonzept der Karnevalisten verlas die am Vortag beim Ordensfest frisch inthronisierte neue Regentin der Karnevalisten "Prinzessin Valerie I. von der scharfen Klinge im weißen Gewand". Während dessen verschwand unauffällig der Brunnen vor dem Rathaus hinter Bauplanen, stattdessen traten die Brunnenfiguren höchst lebendig in die Mitte des Marktplatzes.

"Die haben sich als Kompetenzteam jetzt ein Jahr lang in der Stadt umgehört", erklärte Frank Vogler. So hat das Team die leer stehenden Räume des Abfüllbetriebs im Staatsbad für ihre Zwecke entdeckt. Von Veranstaltungsraum für die eigene Tanz- und Shownacht, diese fällt heuer aufgrund von Termin-und Kapazitätsproblemen aus, als Konzertsaal für Helene Fischer, als Messegelände für eine Erotikmesse oder gar als Abfüllhalle im Wortsinn reichten die Vorschläge.

Auch der alte Traum von Brückenau Village mit überdachter Ludwigstraße wurde wieder aufgenommen. Frank Vogler gab nur zu bedenken, dass die bis zu fünf Meter hohen Wagen am Faschingszug noch durchpassen müssen. Das Thema Straßenbau und seine tierischen Hindernisse wurden ebenfalls analysiert. Sollte es sich bei den Schwalben am Ferkinghoffgebäude um sogenannte Bordsteinschwalben handeln, könnte man diese gut in die leerstehenden Ladenlokale der Ludwigstraße umsiedeln und hier für eine Belebung sorgen. Farblich angepasste Beleuchtung und das Rathaus als Parkhaus lauteten die weiterführenden Vorschläge des Teams.


Galaktische Kräfte

Unverhofft outete sich schließlich der Rädelsführer der "Grünen" als Bürgermeisterin, die zugab, dass in der Rakete eigentlich ihr Stadtrat zum Mond verfrachtet wurde. Mit der Macht ihrer galaktischen Kräfte schafften sie es dann aber, den früheren Sitzungspräsidenten, Mitglied des Brunnenkompetenzteams und stellvertretenden Bürgermeister Dieter Seban, ins Rathaus zu verfrachten und grün einzufärben.

Die Verhandlungsmasse Stadtkasse, die Seban als Ablenkungsmassnahme zwischenzeitlich zu seinen Kumpanen abseilte, enthielt diesmal lediglich Bonbons mit Grüßen aus dem süßen Rathaus. Diesen Moment nutzten heimlich eingedrungene Gardistinnen, die Ufo-Bürgermeisterin zu fesseln und nebst Stadtschlüssel gefangen zu setzen und dem närrischen Volk vor dem Rathaus zu präsentieren. Damit ihr die Zeit der Gefangennahme nicht langweilig wird, bekam sie einen Spaten überreicht. "Damit kann sie die anstehenden zahlreichen Umbaumaßnahmen in der ganzen Stadt aktiv und persönlich begleiten".

Zum offiziellen Schluss der nicht ernst gemeinten Sturmaktion wurde Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks nochmals ernst: "Wir waren heute alle etwas gehemmt wegen der Geschehnisse in Paris. Das hat uns alle sehr belastet. Wenn wir jedoch nichts gemacht hätten, hätten wir denen nur recht gegeben." Das "Jetzt erst recht" und den gefühlten "Kloß im Hals" merkte man allen Karnevalisten, aber auch den zum Schluss doch recht zahlreichen Brückenauer Zaungästen an.