Er erinnert sich noch gut. "Wir wussten, dass etwas auf uns zukommt", sagt Hans Rohrmüller (CSU), der von 1986 bis 1998 Bürgermeister der Stadt Bad Brückenau war. "Aber wir haben uns das ganze Ausmaß nicht vorstellen können." Das Ausmaß der Menschenmassen, die sich am 10. November und in den Wochen danach auf den Weg nach Westdeutschland machten, nachdem die Berliner Mauer endlich gefallen war.

"Die ganze Ernst-Putz-Straße war voller Trabbis", erinnert sich auch Dieter Sternecker vom Stadtarchiv. Die Leute strömten in die Georgi-Halle, um sich ihr Begrüßungsgeld abzuholen. "Die ganze Mannschaft half dabei, das Geld auszuzahlen", berichtet Sternecker. Damals herrschte Ausnahmezustand in der Kurstadt.

Schild: Fahrt nach Bad Brückenau!

Denn es kamen nicht nur die Menschen nach Bad Brückenau, die hier Verwandte oder Freunde hatten. Nein, ein Ansturm brach sich Bahn und der hatte mit einer ganz besonderen Regelung zu tun, die der Stadtrat auf den Weg gebracht hatte, lange bevor an den Mauerfall überhaupt zu denken war. "Die Stadt Bad Brückenau zahlte nicht nur 100 Mark Begrüßungsgeld aus, sondern sogar 120 Mark", erklärt Rohrmüller. Denn das Begrüßungsgeld wurde schon vor der Wende eingeführt und manche Städte oder Gemeinden - wie eben Bad Brückenau - packten aus der Stadtkasse noch etwas drauf als Zeichen der Solidarität mit den Ostbesuchern, die ohnehin nur selten eine Genehmigung für einen Besuch in Westdeutschland von den Behörden bekamen.

Nun aber kamen sie, und sie kamen in Massen. Grund dafür war, dass sich herumgesprochen hatte, dass man in der Kurstadt mehr Geld bekam als anderswo. "Ich habe gehört, dass an der Straße vom Grenzübergang Eußenhausen nach Mellrichstadt ein Schild stand", erzählt Rohrmüller. Auf dem habe sinngemäß gestanden: "Fahrt nach Bad Brückenau, da gibt es 120 Mark als Begrüßungsgeld."

Geldtransport mit Hilfe der Polizei

Wo aber das ganze Geld hernehmen? "Wir hatten noch etwa 10.000 bis 15.000 Mark in der Stadtkasse", erinnert sich Rohrmüller. "Es war klar, dass das bei Weitem nicht ausreichen würde." Also klopfte der Bürgermeister bei den Banken der Stadt an und bat um Bares. Doch so einfach ging das nicht. "Da habe ich den Oberbürgermeister von Bad Kissingen angerufen. Der hatte tatsächlich mehr Geld im Tresor." 30.000 Mark habe Christian Zoll (SPD) ihm damals angeboten. "Da haben wir die Polizei eingeschaltet", erzählt Hans Rohrmüller weiter. Die Streife fuhr von Bad Kissingen bis zum Zuständigkeitsbereich der Bad Brückenauer Beamten, die die wertvolle Fracht dann übernahmen.

Dass die ostdeutschen Gäste sich über das Geld freuten, ist klar. Dass manche die Gunst der Stunde nutzten und mehrfach abkassierten, auch. "Irgendwann haben wir Markierungen in den Ausweis gemacht und Listen geführt", erzählt Edgar Rieß, der damals Kämmerer war und sich ebenfalls noch gut an diese Zeit erinnert. So war das eben. Dennoch: "Das Geld, das die Leute bekommen haben, ist aber größtenteils hier wieder ausgegeben worden", sieht Hans Rohrmüller das nicht so eng.