950 Kilometer, 19 Regentage, 20 Kilogramm und ein Brett. Auf seinem Longboard hat Jonas Martin halb Deutschland durchquert. Der 20-Jährige ist in drei Wochen von der nördlichsten Ortschaft Deutschlands in seine Heimatstadt Bad Kissingen gerollt. Bis zu zwölf Stunden stand er täglich auf seinem Board. Auf seiner Reise ist er sich selbst und der Liebe begegnet und hat am Ende eine Wette gewonnen.

Der Sturz kam gleich am zweiten Tag. Jonas Martin hatte einen Stein übersehen, kam mit dem 20 Kilogramm schweren Rucksack ins Wanken und fiel rückwärts vom Brett. Sein Handgelenk erholte sich schnell. Es sollte aber nicht die letzte Blessur bleiben.


"Niemand bekloppt genug"

Schon seit zwei Jahren schwirrte ihm diese Tour im Kopf herum. Eigentlich wollte Jonas Martin dieses Abenteuer nicht alleine starten. Aber: "Ich habe niemanden gefunden, der bekloppt genug ist und das mitmacht", sagt der 20-Jährige und lacht. Die Begeisterung seiner Mutter hielt sich wie die von potenziellen Weggefährten in Grenzen. Jonas Martin hatte keine Ruhe: Am Wochenende des Rakoczy-Festes sollte es los gehen. Doch wie bereitet man sich auf so einen Trip vor?

Jonas Martin ist "schon ewig" Skateboarder. Auf dem Longboard steht er erst seit ein paar Jahren. Das ist länger, hat breitere Rollen als ein Skateboard und einen größeren Achsabstand. Viele nutzen dieses Brett eher zur Fortbewegung und das kleinere Skateboard mehr für Tricks. Für seine Tour stellte er sich das "perfekte Board" zusammen. Er kalkulierte mit 50 Kilometern, die er täglich zurücklegen wollte. Einen Monat plante er für seine Reise ein. Zu Hause schnallte er sich seinen Rucksack auf, bepackt mit Getränken und Gewichten und startete eine Trainingseinheit. "Die ersten zwei Kilometer sind gewöhnungsbedürftig", sagt er. Es dauert, bis er die Balance mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken findet. Von Bad Kissingen nach Münnerstadt und zurück hatte geklappt. Ob die fast 1000 Kilometer lange Route durch halb Deutschland auch funktioniert? Jonas Martin wollte es wissen und setzte sich in den Zug in Richtung Sylt.

Endstation war die nördlichste Gemeinde Deutschlands: List. Von dort wollte er mit seinem Board zurück in die Heimat. Was er in den folgenden drei Wochen erleben sollte, hätte er sich so nie vorgestellt.

Im Gepäck hatte er einen Schlafsack, eine Iso-Matte, das alte Zelt von Papa, eine Ersatz-Achse für sein Board, eine Dose Nudeln in Tomatensoße, sein Taschenmesser, ein paar Küchenutensilien, Handy, Ersatzhandy und - ganz wichtig - seine Musik. Mit "ACDC" und "Bon Jovi" im Ohr rollt es sich gleich leichter, meint er.

Am liebsten waren ihm die Radwege. Wenn die noch neben einer Bundesstraße entlang führten: perfekt. Zur Orientierung nutzte er verschiedene Apps auf seinem Handy und ganz klassisch: Karte und Kompass. Die Herausforderung: "Man weiß nie, wie weit man kommt", sagt der gelernte Schreiner. Abends recherchierte er zusammen mit einer Freundin die Route für den nächsten Tag. Von zu Hause aus schickte die ihm regelmäßig Kartenausschnitte. Jonas Martin legte sich für jede Etappe einen "Plan B" zurecht: "Man sollte sich nicht stressen", meint er, "wenn man mal nicht gut drauf ist oder es an einem Tag nicht klappt, dann ist das eben so." Für Jonas Martin ist das Skaten mehr als eine Art der Fortbewegung: "Das ist eine Lebenseinstellung." Der 20-Jährige ist ein gelassener Typ. Doch dann kam der Regen. Und der sollte bleiben.


Not macht erfinderisch

Entweder oder: Jonas Martin hatte die Wahl zwischen trockenen Füßen und mehr Gefühl beim Fahren. Er entschied sich gegen wasserdichte Trekking-Schuhe und für eine leichte Turnschuh-Sohle. Irgendwann schnipselte er sich seine wasserdichte Decke zurecht und stopfte sie in die nassen Schuhe, damit die Füße trocken blieben. Vier Schuhe gingen während des Trips drauf. Das letzte Paar hielt eine Rolle schwarzes Panzer-Tape zusammen. Mit Rheumapflaster wärmte er sich in der Nacht. 23 Tage war er unterwegs. 4 Tage davon ohne Regen.
Irgendwo bei Minden, gute 300 Kilometer vor seinem Ziel, meldete sich seine Achillessehne. Der linke Fuß wurde dick. Aufgeben kam für Jonas nicht in Frage. Nicht nur wegen der Wette mit seiner Mutter.


Erfolg als Ansporn

"Ich habe einen Erfolg gebraucht", sagt der 20-Jährige. In der Zeit vor dem Trip ging es ihm nicht gut, erzählt er. Die Reise wollte er für sich machen. Außerdem drohte die Wettschuld: Wenn er die Segel streicht, musste er dem Wunsch seiner Mama folgen und endlich reiten lernen. Sollte er das Abenteuer durchziehen, versprach seine Mutter, würde sie ihm das Longboard bezahlen. Es war nicht nur sein Wille, sondern auch die Begegnungen mit den Menschen, die ihn antrieben.

Wenn er sein Lager auf den Camping-Plätzen aufschlug, wurde er regelrecht belagert, erzählt er. Manchmal stoppten Autofahrer, um zu fragen, was er treibt: Jeder wollte wissen, was der Typ mit dem Board und dem Wanderstecken, den er sich zwischenzeitlich gekauft hatte, vor hat. "Ich habe nur nette Leute kennengelernt." Im Sport-Geschäft bekam er "Abenteuer-Rabatt", in den Absteigen wurde ihm die Kurtaxe erlassen. "Dich lassen wir als Pilger durchgehen", bekam er zu hören. Und dann war da ja auch noch dieses Mädel.

Zu viel verraten mag er nicht. Die beiden lernen sich gerade erst kennen. Am Anfang seiner Reise haben sie sich an der Küste getroffen. So weit fahren muss er aber nicht mehr. Zufällig kommt seine Bekanntschaft auch aus Unterfranken.

Per Whatsapp hielt er seine Lieben zu Hause auf dem neuesten Stand. Immer mehr kamen in der Nachrichten-Gruppe zusammen und interessierten sich für sein Abenteuer. In den Trip hat er bis zum Schluss ein Monatsgehalt investiert, schätzt er. Sieben Kilogramm hat er abgenommen, bis er zurück in den Hof seines Elternhauses rollte. Das letzte Stück war besonders anstrengend: Den Endspurt durch die Rhön musste er viel zu Fuß gehen - zu steil fürs Board. Von dem hat er jetzt erstmal genug. Wo es beim nächsten Mal hingeht? Jonas Martin hat schon Pläne. "Dann vielleicht in den Süden. Richtung Oberammergau", sagt er und schmunzelt.