Vorsichtig drückt sie die Türklinke nach unten. Welcher Anblick wird sich ihr im Gästezimmer bieten? Daniela Bittner ist auf alles gefasst. Wird sie gleich in vier große braune Augen blicken, deren Besitzer auf dem Bett herumhopsen? Werden zwei glänzende schwarze Nasen sich ihr entgegenstrecken? Die 39-Jährige vergrößert den Türspalt, lugt ins Zimmer hinein. Absolute Ruhe. Niemand zu sehen.

Der Raum ist mit Badetüchern und Teppichen ausgelegt. Gegenüber des großen Gästebetts steht eine vorne offene Tiertransportbox, mehr als einen Meter lang. Nach einem schnellen Blick ins Innere flüstert Daniela Bittner: "Kuschelstunde..."

Dicht aneinander gedrängt, haben Brezl und Brösl sich offenbar ein bisschen Schlaf gegönnt. Nun aber, da sich Besuch nähert, hievt Brezl rasch erst die Hinter- dann die Vorderbeine in die Höhe, lugt mit seinen Kulleraugen in den Raum, wackelt ein bisschen mit den Ohren und stakst nach ein paar Sekunden auf seinen dünnen Beinchen aus der Box und in Daniela Bittners Richtung. Brösl tut es ihm gleich. Sie ist ein bisschen zurückhaltender als ihr männlicher Freund - aber der ist ja schließlich auch ein paar Tage älter.

Daniela Bittner streichelt das gepunktete Fell der beiden Kitze, die sich das gerne gefallen lassen und gleichzeitig neugierig an ihren Besuchern schnuppern. Manchmal kommt es der Hausherrin noch immer unwirklich vor, dass in ihrem Gästezimmer in Waischenfeld in der Fränkischen Schweiz gerade zwei Bambis leben. Und dass sie selbst quasi über Nacht zur Ersatzmutter für die beiden geworden ist.

Brezl und Brösl sind Waisenkinder. Brezls Mutter wurde von einem Auto überfahren, Brösls Mutter hatte einen Unfall mit einem Mountainbiker und floh verletzt in den Wald. Als sie nach einem Tag noch nicht zu ihrem Rehkitz zurückgekehrt war, brachte der Jagdpächter es zu Jessica Sebald und ihrem Team vom Sternenhof in Gößweinstein. Sebald kennt sich mit der Aufzucht von Wildtieren aus: Seit Jahren rettet sie verwaiste Tierkinder, die Jäger oder Polizisten ihr bringen - von Fuchsbabys über Waschbär- und Eichhörnchenkinder bis hin zu Rehkitzen.

Da ihr Sternenhof in den vergangenen Jahren immer bekannter geworden ist, kann Jessica Sebald die zeitintensive Aufzucht nicht mehr alleine bewältigen - sie hat ja auch noch jede Menge andere Tiere zu versorgen. Als sie Ende vergangenen Jahres wieder einmal auf der Suche nach Helfern war, wurde Daniela Bittner hellhörig. "Meine Kinder lieben den Sternenhof. Sie lernen dort reiten und viel über Tierpflege. Und da ich sie hinbringe, habe ich natürlich auch Jessi kennen gelernt", erzählt die Augenoptikerin. "Ich habe ihr gesagt, dass ich sie bei Bedarf gerne unterstütze, egal bei welchen Tieren."

Fünf Monate später war es plötzlich soweit. Erst wurde Brezl im Sternenhof abgegeben, wenige Tage später zwei weitere Kitze. Eines davon übernahm eine erfahrene Helferin in Tüchersfeld. Das andere durfte zu den Bittners und Brezl nach Waischenfeld ziehen. "Es war gut, dass die Kleine sozusagen einen großen Bruder bekommen hat, denn sie war am Anfang wirklich winzig und schwach - daher auch der Name Brösl. Ich hatte Angst, dass wir sie nicht durchkriegen", erzählt Daniela Bittner. Doch an ihren "Bruder" gekuschelt und alle zwei Stunden liebevoll mit Lämmeraufzuchtmilch genährt, entwickelte sich Brösl prächtig.

"Anfangs war es schon ein bisschen anstrengend. Gerade mal 20 bis 30 Milliliter Milch konnte man den Kitzen bei jeder Fütterung einflößen." Daniela Bittner gab ihren Schützlingen alle zwei Stunden die Flasche. "Das Jüngste meiner vier Kinder ist ja erst drei - ich bin das nächtliche Aufstehen also fast noch gewohnt", meint die 39-Jährige augenzwinkernd.

Mittlerweile sind Brezl und Brösl knapp vier Wochen alt und trinken alle vier Stunden zwischen 100 und 140 Milliliter Aufzuchtmilch. Heu und Stroh sowie eine Schüssel Wasser stehen ihnen jederzeit zur Verfügung. Außerdem geben die Bittners ihnen Buchen-, Himbeer-, Haselnuss-, Obstbaum- und Löwenzahnblätter, klein geraspelte Karotten, Äpfel und Haferflocken. "Und Erde! In der freien Natur fressen Kitze auch Erde, ihr Verdauungsapparat braucht das."

Daniela Bittner hat viele praktische Infos von Jessica Sebald bekommen, außerdem hat sie sich selbst einiges an Fachwissen angeeignet. "Ich achte immer darauf, dass die schwarze Nasenspitze von Brezl und Brösl schön glänzt. Das ist das sichtbarste Zeichen dafür, dass es Kitzen gut geht."

Tagtäglich darf das muntere Duo mittlerweile in den großen Garten der Bittners. Dort toben das Bock- und das Rehkitz sich nach Herzenslust aus. "Jeden Tag werden sie größer und aktiver. Es ist ein wunderschönes Erlebnis, die zwei aufwachsen zu sehen."

Der umzäunte Garten der Bittners liegt in der Nähe das Waldes. Manchmal kommt es vor, dass Brezl oder Brösl stehen bleiben, fiepen - das klingt, als lasse man die Luft ganz langsam aus einem Luftballon - und die Nasen in den Wind halten: Nehmen sie schon Witterung auf von ihrer zukünftigen Heimat, dem Wald?

Eins ist klar: "Das Beste für Wildtiere ist es, wenn sie in ihrer natürlichen Umgebung leben dürfen. Das ist unser Ziel." Wann es soweit sein wird? Daniela Bittner schätzt, dass Brezl und Brösl im Spätsommer ausgewildert werden können. Auf dem Sternenhof gibt es ein Außengatter mit Zugang zum Wald. Dorthin werden die Kitze zunächst gebracht und weiterhin täglich gefüttert; sie kommen aber nicht mehr mit Menschen in Berührung. Irgendwann werden ihre Ausflüge in den Wald immer länger, sie kehren nicht mehr regelmäßig zurück - und am Ende gar nicht mehr.

"Der Abschied wird schwer werden", ahnt Daniela Bittner. Doch sie verdrängt die wehmütige Vorahnung gleich wieder: "Wir wollen das Beste für die Tiere. Deswegen tun wir alles, damit sie groß und stark werden, so dass sie im Wald überleben können."