Stefan Kügel lässt das Licht aus, als er seinen Theatersaal betritt. Er hat das zuletzt oft so gemacht, weil es ja ohnehin nicht viel zu sehen gab im Theater Kuckucksheim im Adelsdorfer Ortsteil Heppstädt. Metallkisten stehen auf der Bühne. Die Zuschauerstühle hat er sorgfältig aufeinandergestapelt und an den Rand geschoben, einen Besen in die Ecke gelehnt. Dort, wo eigentlich die Zuschauer sitzen, man könnte sagen, im Logenbereich, also da, wo man die beste Sicht auf das Geschehen hat, auf die Western und die Puppen, in der Loge also, hat Kügel ein Kanu aufgebockt. Und warum auch nicht.

Wäre das ein normales Jahr, Kügels Theatersaal wäre gerade jetzt brechend voll. Denn für das 30. Theaterjubiläum hatte er ein großes Festival geplant. Er hat Künstler aus der Schweiz, aus England und Italien eingeladen. Jeden Abend hätten sie vor ausverkauftem Haus gespielt. Sie hätten die Zuschauer zum Lachen und manchmal auch zum Weinen gebracht, hier in dem Ort, in dem es außer viel Ruhe kaum mehr als einen Campingclub und einen Bolzplatz gibt.

3000 Euro für drei Monate

Weil aber kein normales Jahr ist, ist der Bolzplatz zu. Und Kügel, der das Festival auf unbestimmte Zeit verschoben hat, sitzt in Holzfällerhemd, Wollsocken und Birkenstocksandalen auf einem Stuhl im leeren Theatersaal und sagt: "In der Realität ist das alles eine Katastrophe."

Eine Katastrophe. Das kann Kügel mit nur wenigen Zahlen vorrechnen: Sein Theatersaal ist 60 Quadratmeter groß und bietet für 93, wenn man die kleine Plattform seitlich dazurechnet, vielleicht für 100 Zuschauer Platz. Laut den Corona-Auflagen des Staatsministeriums gilt eine Zwei-Meter-Abstandsregel zum Nebenmann. Umgerechnet heißt das, dass Kügels Theater derzeit für höchstens 17 Zuschauer ausgelegt ist. Und weil das schauspielerisch, aber vor allen Dingen auch wirtschaftlich überhaupt keinen Sinn ergibt, hat er das Theater Ende März kurzerhand zugesperrt.

Seither versucht Kügel das Theater, das er zusammen mit drei seiner fünf Söhne betreibt, vor dem finanziellen Ruin zu bewahren. Er hat Corona-Soforthilfe beim Staat beantragt. Bekommen habe er zusammengenommen 3000 Euro für drei Monate. Allein für Strom, Heizung und einen aufgenommenen Kredit müsse er aber fast das Doppelte aufbringen. Zwar werde das Theater von der Stadt Erlangen subventioniert, da diese Gelder aber an regelmäßige Vorstellungen gebunden sind, wisse er nicht, ob die Zuschüsse bestehen bleiben. "Wenn das auch noch wegbricht, wird es zappenduster." Kleine Theater, Familienbetriebe wie seiner, stünden mittelfristig vor dem Aus, auch deshalb, weil ein zweiter Antrag auf Staatshilfen abgelehnt wurde. "Der Staat strengt sich gerade an, das Land der Kultur kaputtzumachen."

Das klingt dramatisch, aber wer im leeren Theatersaal des 57 Jahre alten Schauspielers sitzt, der vorwiegend für seine humorvolle Art bekannt geworden ist, stellt fest, welche Wucht ein solcher Satz entfalten kann. Kügel krempelt die Ärmel zurück und sagt, es gehe nicht nur um ihn, sondern um Künstler, Schauspieler, Musiker überall in Deutschland. Darum, dass der Staat den Zugang zu Hilfsgeldern vereinfachen müsse, damit Kulturschaffende nicht unverschuldet in die Grundsicherung abrutschten. In seinem Fall aber geht es vor allem um eins: um die Leidenschaft fürs Theater.

Um das besser verstehen zu können, muss man vielleicht in Kügels Geschichte zurückschauen. Stefan Kügel wurde 1962 in Burgebrach geboren. Der Vater starb früh, die Mutter zog den Jungen alleine groß. Schon im Kindergarten entdeckte er seine Leidenschaft fürs Theater. Als er seine erste Rolle, den Erzengel Gabriel, in einer kleinen Theaterproduktion spielen sollte, lag er zu Hause mit 40 Grad Fieber im Bett. Kügel aber konnte das nicht akzeptieren. Also fuhr ihn die Mutter zum Kindergarten, wo er spielte und merkte, dass er gut war. "Das Theater war für mich immer etwas Heiliges", sagt er.

Ein Theaterabo mit zwölf

Mit zwölf hat er sich von seinem Taschengeld ein Theaterabo in Bamberg gekauft. Kurz nach dem Abitur kam dann sein erster Sohn Benjamin zur Welt. Weil das Geld knapp war, absolvierte er eine Schreinerlehre. Er hat die Ausbildung nicht bereut. Aber den Befehlston des damaligen Chefs habe er trotzdem nur schwer ertragen. Und da war ja noch das Theaterspielen.

Als das zweite Kind kam, zog die Familie nach Heppstädt, wo seine Frau, Maria Seeberger, ein altes Bauernhaus geerbt hatte. Kügel sanierte das Haus größtenteils selbst. Er baute einen Theatersaal in die Scheune ein, schrieb Stücke, fertigte Puppen an und fragte Kindergärten, ob sie ein Puppentheater sehen wollten.

Wollten sie.

Heute hat sich Kügel in Heppstädt ein Leben eingerichtet, das viele nicht für möglich gehalten haben. "Niemand dachte, dass ein Theater soweit am Land funktioniert." Nicht wegen ihm, sondern weil man fürchtete, dass niemand kommen werde. Inzwischen kommen die Zuschauer aus Erlangen, Nürnberg und München. Sie sehen dann, wie Kügel und seine Söhne zum Beispiel die Bremer Stadtmusikanten oder Goethes Faust aufführen. Eine Vorstellung für Kinder und sechs für Erwachsene finden durchschnittlich im Theater Kuckucksheim je Monat statt. Viele der rund 25 Repertoirestücke spielt Kügel im Dialekt, vieles ist humorig, der Anspruch aber ist der eines Stadttheaters.

Anspruchsvolles Theater am Land

Dabei hat er die großen Städte immer gemieden. Einmal stand er vor der Entscheidung, eine Schauspielschule in München zu besuchen. Ein großer Filmschauspieler wie sein Bruder geworden ist, das wollte er nicht, sagt er. Vielmehr wollte er anspruchsvolles Theater aufs Land bringen. Keine seichten Schenkelklopfer, wie sie in jedem zweiten Bauerntheater zu sehen sind. Er sei kein Stadtmensch, der Trubel, die Schnelllebigkeit, das sei nie seine Welt gewesen. Aber Theater ohne Anspruch eben auch nicht.

Und wenn man Kügel heute in seinem Theater gegenübersitzt und dem Mann mit der weinroten Schiebermütze, die ihm eine bodenständige, ja fast schalkhafte Art verleiht, zuhört, dann klingt das, als sei er lange angekommen in seiner Welt. Aber wie geht einer damit um, wenn man ihm seine Welt nimmt?

Man kann sich das im Internet bei youtube anschauen. Dort hat Kügel vor Kurzem Hippokrates' vier Temperamente ins Fränkische übersetzt. Er spielt darin beispielsweise den Choleriker Koller, der seinen Regenschirm auf furiose Weise malträtiert. Die Clips, die er mit seinem Sohn produziert hat, seien anfangs gut angekommen, sagt er. Warum die Clickzahlen zurückgingen, kann er nicht erklären. Vielleicht, weil den Zuschauern die Nähe fehlte. Weil der Bildschirm eben doch kein Ersatz für die Atmosphäre im Theater ist, für den Moment, wenn das Licht ausgeht und die Luft vor Spannung zu vibrieren beginnt. Vielleicht, weil jemand vergessen hat, die Clips zu teilen.

Nächster Auftritt am 10. Juli

Für Kügel jedenfalls war es ein erhebendes Gefühl, endlich wieder witzig zu sein, sagt er. "Wenn man seinen Humor lange Zeit nicht weitergeben kann, staut sich etwas an." In der ersten Woche des Lockdowns habe er sich über die freien Tage gefreut. Plötzlich aber war er wie gelähmt. Er verfiel in Aktionismus, irgendwann drehte er die Videos. Er hat das auch deshalb getan, weil er viel Solidarität von seinen Theaterfans in den zurückliegenden Wochen erfahren hat. Dafür sei er sehr dankbar. Noch dankbarer sei er heute, wenn ihm überhaupt irgendjemand beim Spielen zuschaut.

Seit Pfingsten steht Kügel vereinzelt wieder auf der Bühne - wenn auch nicht auf der eigenen. Im Juli tritt er für acht Vorstellungen beim Open Air im Adelsdorfer Schloss auf. Auftakt ist ein fränkischer Western am 10. Juli. Zwar gebe es strenge Hygienevorschriften, dafür könne er aber vor großem Publikum spielen. Während der Corona-Zeit hat er sich mit kleinen Theatern im Erlanger Raum zusammengetan. Um wieder regelmäßig spielen zu können, plane man, eine Lagerhalle anzumieten. Sein Theater, sagt er, werde er erst dann wieder aufsperren, wenn die Abstandsregel zurückgenommen wird.

Und das Kanu? Das habe sein Sohn vor ein paar Wochen hier angeschleppt, um die Löcher darin zu flicken. Wann er es wieder abholt, weiß Kügel nicht. Spätestens aber dann, wenn der Vorhang im Theater Kuckucksheim im Adelsdorfer Ortsteil Heppstädt wieder aufgeht und das Licht an.