Wüst in der Türkei: Die K-Frage reist mit
Autor: Michael Fischer, dpa
, Dienstag, 29. Sept. 2026
Hendrik Wüst ist als NRW-Ministerpräsident in der Türkei - und nicht als «Reservekanzler». Darauf legt er großen Wert. Die Innenpolitik begleitet ihn dennoch - bis in den Präsidentenpalast von Ankara.
Es gibt Unterschiede zwischen einem Ministerpräsidenten eines Bundeslandes und einem Bundeskanzler, die auf den ersten Blick zu erkennen sind. Als Hendrik Wüst im zweiten Stock des riesigen Präsidentenpalastes von Ankara auf Recep Tayyip Erdogan trifft, nimmt er fast genau da Platz, wo vor elf Monaten Friedrich Merz saß. Aber eben nur fast.
Während der Kanzler und Erdogan nebeneinander vor ihren jeweiligen Landesfahnen miteinander redeten, wird der nordrhein-westfälische Landesregierungschef an der Seite neben dem Präsidenten platziert, der in der Mitte des Raumes zwischen zwei türkischen Flaggen thront. Über ihm eine goldene Sonne, eingerahmt von 16 Sternen, das Siegel des Präsidenten.
Wüst gilt als «Reservekanzler»
Protokollarisch ist das so völlig korrekt. Rangunterschiede spiegeln sich in der Diplomatie auch in der Sitzordnung wider. Wüst wird es recht sein. Er legt Wert darauf, als Ministerpräsident des bevölkerungsreichsten deutschen Bundeslandes in Ankara zu sein, in dem eine Million Menschen mit türkischen Wurzeln leben. Und als ein Ministerpräsident, der genau das auch bleiben will. «Soweit es geht», hat er kürzlich auf Nachfrage hinzugefügt.
Angesichts der Debatte über einen Kanzlerwechsel muss Wüst in letzter Zeit immer öfter betonen, wo er seinen Platz sieht. Er hat eine Landtagswahl vor der Brust, zwei kleine Kinder zu Hause und angesichts der Grabenkämpfe um die Reformen gibt es für ihn in Berlin derzeit nicht viel zu gewinnen.
Für den Fall, dass Merz stürzt, gilt er neben dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder trotzdem als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge - wann auch immer. Er selbst redet zumindest öffentlich nicht darüber. Dafür aber viele in seiner Partei. Und in den Medien wird er wahlweise als der «Einwechselkanzler» oder «Reservekanzler» genannt.
Angefangen hat das alles um seine letzte Auslandsreise nach Polen herum. Damals gab es die ersten Berichte, dass in der Union über einen Kanzlertausch geredet werde. Aus dem Umfeld des Kanzlers wurde das prompt als «wüste Spekulation» zurückgewiesen und auch Wüst trat den Berichten entgegen. Seit dem desaströsen Abschneiden der CDU bei den drei Landtagswahlen wird die Debatte aber immer offener geführt. Daran hat auch die Rückendeckung der acht CDU-Ministerpräsidenten für Merz nichts geändert, die von vielen als halbherzig wahrgenommen wurde.
Zwei CDU-Politiker unter besonderer Beobachtung
Merz gilt seit den Wahlen als Kanzler auf Bewährung. Jedes Wort von ihm wird nun auf die Goldwaage gelegt. Wüst steht aber genauso unter besonderer Beobachtung. Bei Merz geht es darum, ob er noch geeignet ist für das Amt des Kanzlers. Bei Wüst wird darauf geschaut, ob er schon reif für eine Kanzlerschaft ist.