Druckartikel: Wird «der einzige Strohhalm» für Heringsfischer abgeschafft?

Wird «der einzige Strohhalm» für Heringsfischer abgeschafft?


Autor: dpa

, Samstag, 24. Oktober 2026

In Kürze beraten EU-Minister wieder über Fischfangmengen in der Ostsee. Ein Teil der Diskussion sei überflüssig, sagt ein Experte und erklärt, was Autos mit dem Dorschbestand zu tun haben.
Es steht nicht gut um die Fischerei an der deutschen Ostseeküste. (Archivbild)


Dürfen Fischer an der deutschen Ostseeküste im nächsten Jahr weiter im Rahmen von Ausnahmen Hering fangen? Nicht, wenn es nach dem Vorschlag geht, den die EU-Kommission für die Beratungen der zuständigen EU-Minister und -Ministerinnen Anfang kommender Woche vorgelegt hat. Wenn es hingegen nach dem Fischereiexperten Christopher Zimmermann ginge, würde die entsprechende Ausnahme erhalten bleiben.

«Es ist im Grunde der einzige Strohhalm, den unsere Küstenfischerei noch hat», sagte Zimmermann, der das Rostocker Thünen-Institut für Ostseefischerei leitet, der Deutschen Presse-Agentur. Die zuletzt noch zugelassene Fangmenge für Hering der westlichen Ostsee habe keinen messbaren Einfluss mehr auf die Bestandsentwicklung.

Der Nabu sieht das anders. «Angesichts der dramatischen Bestandssituation kommt es heute auf jede Tonne laichbereiten Herings an, damit sich die Bestände trotz der zusätzlichen Belastungen durch die Klimakrise erholen können», sagt Kim Cornelius Detloff, Leiter Meeresschutz beim Nabu Bundesverband. «Vor diesem Hintergrund wirken auch die bisherigen Ausnahmen für die passive Heringsfischerei in der westlichen Ostsee nicht mehr zeitgemäß.»

Weitgehend Fangverbot für ehemalige Brotfische

Konkret geht es um die Erlaubnis, mit Booten unter zwölf Metern, mit passivem Fanggerät, also etwa Stellnetzen, weiterhin gezielt Heringe fischen zu dürfen. Ansonsten durfte Hering in der westlichen Ostsee zuletzt nur noch als unbeabsichtigter Beifang angelandet werden, was laut Zimmermann ohnehin kaum noch vorkommt. «Früher gab es in der Dorschfischerei Heringsbeifänge, aber auch nicht in nennenswertem Umfang. Inzwischen es gibt ja auch keine Dorschfischerei mehr.»

Denn Dorsch darf ebenfalls nicht mehr gezielt, sondern höchstens noch als Beifang gefischt werden in der westlichen Ostsee. Dabei galten Dorsch und Hering einst als sogenannte Brotfische der hiesigen Betriebe und sicherten deren Auskommen.

Jährlich im Oktober legen die Fischereiminister und -ministerinnen der EU-Länder die zulässigen Höchstfangmengen von Fischbeständen in der Ostsee fest für das nächste Jahr. Diese Mengen werden dann anhand von Quoten auf die Anrainerstaaten aufgeteilt. Zuvor gibt die EU-Kommission einen Vorschlag ab. Sie wird wiederum vom Internationalen Rat für Meeresforschung (ICES) beraten, dem auch Zimmermann angehört.

«Spart euch den Verhandlungsatem»

Die EU-Kommission empfiehlt, die erlaubte Menge für Heringsbeifang in der westlichen Ostsee für das kommende Jahr fast um die Hälfte zu reduzieren. Beim Dorsch der westlichen Ostsee empfiehlt sie ein Minus von fast 90 Prozent.

Zimmermann sagt hingegen: «Spart euch den Verhandlungsatem und macht einfach einen Rollover, also alles genau wie letztes Jahr.» Die Fischerei habe auf diese Bestände keinen messbaren Einfluss mehr. «Wir reden beim Westhering von drei Prozent der Quote im Vergleich zu 2017, die noch übrig sind.»

Selbst diese geringen Mengen würden von den hiesigen Fischern ohnehin nicht mehr ausgeschöpft. In Vorpommern etwa fressen Kegelrobben die Heringe aus den Stellnetzen, Schiffsdiesel ist teuer und in diesem Jahr kam der Eiswinter hinzu. All das behindert eine wirtschaftliche Fischerei.

Die Faktoren, die die Erholung der Bestände trotz fast eingestellter Fischerei verhindern, sind vielfältig. Zur Überfischung früherer Jahre kommen Umwelt- und Klimaeinflüsse hinzu, die die Ostsee belasten. Dorsche in der westlichen Ostsee erreichen das Erwachsenenalter nicht, weil das Wasser in oberen Schichten ab Juli zu warm ist und in unteren Schichten nicht ausreichend Sauerstoff hat.

Auch Abgase belasten Ostsee

Zum Sauerstoffmangel im Wasser steuert der Eintrag von Nährstoffen bei. Diese fördern das Wachstum von Algen, und deren Zersetzung durch Bakterien verbraucht wiederum Sauerstoff. Für die Ostsee insgesamt stammten die meisten Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft, etwa von überschüssigem Dünger, erklärt Zimmermann. Auf Deutschland bezogen komme hingegen der größte Eintrag aus der Atmosphäre. Dabei gehe es etwa um Stickoxide von Dieselmotoren, Erdöl- oder Erdgasheizungen.

Beim Hering wiederum brächten warme und späte Winter die Entwicklung des Nachwuchses durcheinander. Zimmermann hätte sich beim Westhering trotzdem für kommendes Jahr sogar vorstellen können, in geringem Umfang wieder gezielte Fischerei auch jenseits Beifangs und Ausnahmen zuzulassen.

Forschungen seines Instituts zeigten, dass der Bestand wegen des Klimawandels nie wieder so produktiv sein werde wie noch vor 30 Jahren. Damit müsste man laut Zimmermann aber auch einen neuen Maßstab anlegen, ab wann man wieder nachhaltig gezielt fischen könne. Der ICES habe sich aber bislang dagegen entschieden und gehe weiter von nicht mehr erreichbaren Referenzwerten aus - nach Ansicht Zimmermanns die falsche Entscheidung.

Bei anderen Beständen empfiehlt die EU-Kommission eine Erhöhung der Fangmengen, etwa bei Sprotte, die aber für die hiesige Küstenfischerei keine Rolle spielt. Beim Hering der zentralen Ostsee ist eine Anhebung der Fangmenge um rund 50 Prozent vorgesehen. Wieso leidet dort der Hering nicht ähnlich wie in der westlichen Ostsee?

«Das ist eine total spannende Frage», sagte Zimmermann. Eine Möglichkeit sei, dass die Erwärmung im Frühjahr sogar für mehr Nachwuchs sorgt, allerdings nur für einige Jahre. «Aber dann trifft auch die östlichen Heringsbestände das gleiche Schicksal wie den westlichen Heringsbestand jetzt schon», so die Hypothese.