Wie realistisch ist ein europäischer Atom-Schirm?
Autor: Michael Fischer, dpa
, Montag, 16. Februar 2026
Kanzler Merz hat das französische Angebot angenommen, über einen europäischen Nuklearschirm zu reden. Worum geht es dabei genau?
Europa will unabhängiger von den USA werden – wirtschaftlich und vor allem auch militärisch. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz ist so deutlich geworden wie nie zuvor, dass man sich nicht mehr auf die USA als alleinige Schutzmacht verlassen will. Was muss nun dafür genau getan werden? Ein Kernpunkt ist die nukleare Verteidigung. An keiner Stelle ist Europa so abhängig von den USA wie hier.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat Deutschland und anderen EU-Partnern bereits 2020 während der ersten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump Gespräche über eine europäische Kooperation bei der atomaren Abschreckung angeboten. Bei der damaligen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) stieß er aber auf genauso wenig Resonanz wie bei ihrem Nachfolger Olaf Scholz (SPD). Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat das Angebot jetzt angenommen.
Wie funktioniert die atomare Abschreckung aktuell?
Sie basiert derzeit hauptsächlich auf den US-Atomwaffen, von denen Schätzungen zufolge noch etwa 100 in Europa stationiert sein sollen, einige davon auf dem Fliegerhorst Büchel in der Eifel. Im Ernstfall sollen die in Büchel stationierten Bomben von Kampfjets der Bundeswehr eingesetzt werden – das sieht die sogenannte nukleare Teilhabe der Nato vor.
Welche Rolle spielen die europäischen Atomwaffen derzeit?
Die Nuklearwaffen der beiden einzigen Atommächte Frankreich und Großbritannien, das der EU nicht mehr angehört, fungieren bei der nuklearen Abschreckung der Nato derzeit lediglich als relativ unbedeutende Ergänzung. In der aktuellen Diskussion geht es nun um eine Stärkung dieser europäischen Komponente, nicht um einen separaten Schutzschirm. Das Nato-Abschreckungssystem mit den US-Atomwaffen soll grundsätzlich erhalten bleiben.
Wie groß ist Frankreichs Atomwaffen-Arsenal?
Nach Schätzungen des Friedensforschungsinstituts Sipri verfügen die USA über 1.770 einsatzbereite Atomwaffen; Frankreich über 280 und Großbritannien über 120. Konkret hat Frankreich unter anderem vier Atom-U-Boote und kann mit seinen Rafale-Kampfjets die gut 50 Marschflugkörper des Landes mit Nuklearsprengköpfen abschießen.
Was müsste für einen europäischen Schutzschirm getan werden?
Es wären vermutlich riesige Investitionen erforderlich, Schätzungen gehen bis in den dreistelligen Milliardenbereich. Wie ein solcher Schirm organisiert werden könnte, ist unklar. Theoretisch könnte Frankreich einfach garantieren, seine Atomwaffen auch zum Schutz europäischer Interessen einzusetzen. Auch eine Stationierung auf dem Gebiet von EU-Partnern wie Deutschland, Polen oder im Baltikum wäre denkbar, um die Reichweite der Waffen nach Russland zu verkürzen.
Aus französischer Sicht müssten die Waffen aber unter strikter französischer Kontrolle bleiben, ihre Lagerorte von französischen Streitkräften geschützt werden und der «rote Knopf» für den Einsatz bei Frankreichs Staatschef verbleiben. Das wiederum dürfte für die europäischen Partner ein Problem sein.