Wer berät die Kunden, wenn 39.000 Verkäufer fehlen?
Autor: Christian Rothenberg, dpa
, Montag, 07. Sept. 2026
In keiner anderen Berufsgruppe könnten 2029 so viele Fachkräfte fehlen wie im Verkauf. Was bedeutet das für den kriselnden Einzelhandel – und wer unterstützt künftig Kunden in Geschäften?
Bis 2029 könnten bundesweit rund 39.100 Verkäuferinnen und Verkäufer fehlen. Das geht aus einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor. Damit dürfte die Fachkräftelücke deutlich wachsen. In keiner anderen Berufsgruppe könnten dann so viele Stellen unbesetzt bleiben. Von einer Prognose will Studienautor Alexander Burstedde nicht sprechen. Die Analyse schreibe die Entwicklungen des Arbeitsmarktes bis 2029 fort und zeige, was passieren würde, wenn aktuelle Trends anhielten.
Wie ist die Entwicklung zu erklären?
Die Berufsgruppe «Fachkraft im Verkauf ohne Produktspezialisierung» umfasst laut IW gut 870.000 Beschäftigte und ist damit die drittgrößte in Deutschland. Noch sei der Fachkräftemangel in diesem Bereich gering, sagt Burstedde. Das dürfte sich jedoch ändern.
Der Experte führt den erwarteten Anstieg unter anderem darauf zurück, dass in den kommenden Jahren viele Menschen in Rente gehen. Zugleich komme voraussichtlich zu wenig Nachwuchs nach – auch, weil weniger Arbeitskräfte aus dem Ausland gewonnen werden könnten. Eine wirtschaftliche Erholung dürfte den Bedarf an Fachkräften zusätzlich erhöhen.
Zu der Berufsgruppe zählen unter anderem Einzelhandelskaufleute und Fachverkäufer. Die meisten von ihnen arbeiten laut IW im stationären Einzelhandel, oft in direktem Kundenkontakt. Zu ihren Aufgaben gehören neben der Beratung auch kaufmännische Tätigkeiten wie Warenbestellungen oder die Gestaltung von Verkaufsflächen. Ausgenommen sind Verkäufer, die auf eine Warengruppe festgelegt sind, etwa Bäcker, Fleischfachverkäufer, Buchhändler oder Floristen.
Welche Auswirkungen hat der Fachkräftemangel?
«Der Fachkräftemangel im Verkauf führt in erster Linie dazu, dass die Beratungsqualität sinkt», sagt Burstedde. Viele Menschen würden lieber vor Ort einkaufen. Fühlten sie sich dort nicht gut beraten, könnten sie zum Online-Handel abwandern.
Ulrike Witt vom Handelsforschungsinstitut EHI beobachtet in Geschäften bereits große Unterschiede bei der Qualität der Beratung. Viele Händler hätten Probleme, gutes Personal zu finden. «Die Bewerber bringen oft nicht mehr so viel mit wie vor 20 Jahren.» Gute Beratung mache viel aus. Andererseits seien Kunden oft schon vor dem Einkauf gut informiert und bräuchten weniger Unterstützung als früher. «Viele kommen ins Geschäft, um Produkte zu sehen oder auszuprobieren.» In Bereichen wie Baumärkten, im Bekleidungshandel oder beim Küchenkauf bleibe Beratung jedoch wichtig.
Die zunehmenden Personalengpässe treffen den stationären Einzelhandel zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Die Branche steht wegen der Kaufzurückhaltung und des wachsenden Onlinehandels unter Druck. Im Internet können Kunden rund um die Uhr einkaufen. Die Auswahl ist größer, und die Produkte sind oft günstiger. Persönliche Beratung gilt als einer der letzten großen Vorteile stationärer Geschäfte.