Was macht eigentlich ein Dirigent?
Autor: Monika Beer
, Mittwoch, 04. Mai 2011
In seinem Film "Der Taktstock" dokumentiert Michael Wende den Gustav-Mahler-Dirigenten-Wettbewerb 2010 und erklärt mit Unterstützung einer pfiffigen Comicfigur ganz spielerisch auch einige Mysterien.
Gerade haben die Abonnenten und Sponsoren der Bamberger Symphoniker wieder Post bekommen. Diesmal steckte nicht nur die weiße Programmbroschüre der Saison 2011/12 im Umschlag, sondern als Beigabe in dunkelblau-güldener Optik die DVD des Dokumentarfilms "Der Taktstock", der beim Gustav-Mahler-Dirigenten-Wettbewerb in 2010 entstanden ist. Im Februar feierte der bereits zweifach ausgezeichnete Film bei den "Freunden der Bamberger Symphoniker" sein Bamberg-Debüt, aktuell ist der gut einstündige Streifen beim 40. Internationalen Studentenfilmfestival Sehsüchte in Berlin als bester Dokumentarfilm nominiert. Gedreht hat ihn der in Seigendorf aufgewachsene 28-jährige Filmemacher Michael Wende, der erst übers Studium und seinen Diplomabschlussfilm in direkten Kontakt mit den Bamberger Symphonikern kam. Sein "Taktstock" ist weit mehr als eine Dokumentation. Mit einer pfiffigen Animationsfigur und ungewohnten Schnitten schafft er spielend den schwierigen Spagat zwischen E und U, erklärt mit Ernst und überaus unterhaltsam, was ein Dirigent tut.
Seit wann interessieren Sie sich für Dirigenten?
Michael Wende: Ich habe mich schon immer für Dirigenten und klassische Musik interessiert, auch wenn ich nicht direkt mit Bach, Beethoven, Mozart und Mahler aufgewachsen bin. Sondern tagtäglich das höre, was man in meinem Alter eben so hört zwischen Elektro- und Rockmusik, zwischen Fatboy Slim, Death Punk und älteren Gruppen wie Aerosmith. Ich kannte klassische Musik vor allem über Filme, über Filmmusik, da gibt es Stücke und Melodien, die Leute in meinem Alter eher kennen als etwas von Haydn. Bei einem großen Konzert mit Filmmusik stellte ich mir plötzlich die Frage, was macht der Dirigent da eigentlich, was kann er, wenn doch alle Musiker doch nur aufs Notenblatt schauen? Genau so eine Fragestellung brauchte ich für meine Abschlussarbeit an der FH Deggendorf. Ich wollte nicht einen ruhigen Dokumentarfilm drehen, sondern etwas Schwierigeres, bei dem ich auch selbst etwas lernen konnte.
War das Ihr erster Film?
Michael Wende: Nein, natürlich nicht. Aber es ist mein erster professioneller Film in Spielfilmlänge. Ich mache Filme, seitdem ich zwölf bin, habe mit Freunden und Nachbarn angefangen. Und schon während des Studiums begann meine Arbeit für das Jugendformat On3 Südwild beim Bayerischen Rundfunk und die Produktionsfirma AVE, wohin der Dirigentenfilm auch gut passt. Die AVE produziert unter anderem Dokumentarfilme im klassischen Bereich, kleine Filme über Sängerinnen und Instrumentalisten für Arte und 3Sat.
Was war Ihr Konzept?
Michael Wende: Ich wollte nicht nur einfach zwei, drei Dirigenten vor die Linse bekommen, die etwas über ihre Arbeit erzählen, sondern ich wollte einen sehr dynamischen und unterhaltsamen Film machen, der locker um 20.15 Uhr auf Pro Sieben laufen könnte - also eine breite Masse anspricht, vor allem auch Menschen in meinem Alter, die sonst ganz andere Filme gucken als eine Konzertaufnahme auf BR-alpha. Das war die Herausforderung - und die fand ich gut.
Wie kamen Sie darauf, in Bamberg zu drehen?
Michael Wende: Meine Mutter hat mich drauf gebracht. Und mir war sofort klar, dass das funktionieren könnte: Du hast über eine Woche lang auf einem Haufen zwölf Nachwuchsdirigenten, also ist schon mal der junge Ansatz da. Dazu gibt's die Jury, die aus erfahrenen Menschen besteht, was das ältere Publikum anspricht, und die Dramaturgie ist sowieso durch den Wettbewerb gegeben. Immer wieder scheidet einer aus, am Schluss gibt's einen Gewinner, das ist eine Story, super! Jetzt musst du es nur noch schaffen, so unterhaltsam zu sein, dass die Leute dranbleiben, ohne einzuschlafen. Und du musst es schaffen, dass du da mit mehreren Kameraleuten überhaupt filmen darfst.
Sie haben beides geschafft - mit Erlaubnis der Symphoniker und mit einer Art Comicfigur.
Michael Wende: Was nicht ganz einfach war, denn natürlich ist es nicht selbstverständlich, dass bei einem solchen Wettbewerb ständig etliche Filmleute präsent sind. Wenn zwölf junge Talente aus allen Herren Ländern gegeneinander antreten, müssen sie alle die gleiche Chance haben. Da darf auch aus Versehen keine Kamera runterfallen, während einer gerade dirigiert. Das wussten wir. Die AVE hat mich dabei unterstützt, und irgendwann saß ich dann mit dem Intendanten Wolfgang Fink und Herrn Schmölder zusammen und sie haben ihr Okay gegeben.
Wir - das heißt Tontechniker Peter Kautzsch sowie André Albrecht, Christoph Hohmann, Andreea Varga und ich an den Videokameras - durften zehn Tage drehen, Runde für Runde, zwischendrin Interviews. Der Dreh war heikel, man konnte sich ja nicht bewegen. Wir mussten alle schwarz angezogen sein, durften die Kamera höchstens ein bisschen schwenken und zoomen, aber nicht weiter nach links oder rechts schieben. Trotzdem haben wir es geschafft, ein bisschen zu experimentieren.
Und die Animation?
Michael Wende: Schon vor dem Dreh wollte ich eine weitere Ebene hinzufügen, die Leute in meinem Alter ansprechen würde. Der Film "Waltz With Bashir" hatte mich inspiriert, ich hatte auch schon zwei Zeichner zur Hand, die schon für Disney und Werner gearbeitet hatten, die dann aber abgesprungen sind, weil ich nicht genug bezahlen konnte. Also habe ich die Animationsfigur des Taktstockbauers selber eingebaut. Er schaut den Film mit an, greift ins Geschehen ein, spult zurück, wenn er etwas nicht begriffen hat, stellt ganz naiv die Fragen, die ich und viele Zuschauer sich in dem Moment auch stellen würden.
Dass ich als Sprecher dafür Herbert Feuerstein bekommen konnte, war natürlich ein großes Geschenk. Schon deshalb, weil er eine Stimme hat, die man mit geschlossenen Augen sofort erkennt. Allerdings weiß ich jetzt, dass es da eine magische Grenze gibt und nur bei Leuten funktioniert, die 24 und älter sind; Jüngere kennen ihn nicht so. Und weil innerhalb von drei Stunden er alles auf Schwarz gesprochen hat, also noch kein Bild hatte, konnte ich die Figur hinterher direkt auf seinen Duktus, auf seine Stimme hin animieren. Die Frage war natürlich, ob es auch funktioniert. So ein Experiment kann ja daneben gehen. Mit diesem Risiko musste ich den Film schneiden.
Und die rasante Musik zu Beginn?
Michael Wende: Stammt auch aus meiner Feder. Ich habe mit der Vierten von Mahler eine Art Remix gemacht, um einen Kontrast zu schaffen - und einen Film, der mir selber gefällt. Bei einer internen Testvorführung mit Freunden und Arbeitskollegen im Dezember konnte ich sehen, dass der Film viel besser ankam, als ich es mir je gedacht hatte. Für Zuschauer, die Spaß damit haben, dauert der Film gefühlte 20 Minuten und nicht eine Stunde.
Was mir sehr wichtig ist: Es ist kein Sendung-mit-der-Maus-Film geworden! Sondern an den richtigen Stellen tritt der Taktstockbauer in den Hintergrund und dann werden nur noch Bilder gezeigt, vor allem im Finale. Erst lange nach dieser Testvorführung habe ich gemerkt, dass der Film kein reiner Dokumentarfilm ist, sondern vor allem eine Dokumentation, was auf gut deutsch heißt: Er beschäftigt sich mit einem Thema, erzählt und beschreibt es und wird dann erst zum nur noch beobachtenden Dokumentarfilm. Am Schluss laufe ich ja mit der Kamera nur noch hinter dem Gewinner her, bis zum Abschlusskonzert.
Was Sie beschreiben, ist eines der schwierigsten Themen überhaupt: Wie entsteht Musik, wie funktioniert sie?
Michael Wende: Es ist eine mühselige Arbeit, das habe ich vor allem beim Schnitt des Films gemerkt. Aber als ich eine Mail mit dem Satz bekam "Ich will den Film auch sehen, obwohl ich mich gar nicht für Klassik interessiere", war ich glücklich. Wenn ich das jetzt auch noch höre, habe ich mein Ziel erreicht.
Hören Sie klassische Musik jetzt anders?
Michael Wende: Nein, ich höre sie genauso wie früher. Solange eine Melodie oder die Intensität eines Werkes mir unter die Haut geht und in mir Bilder entstehen, kann ich damit etwas anfangen. Insofern ist alles geblieben, allerdings mit einer Einschränkung: Bei der Vierten von Mahler brauche ich, weil ich sie für den Film so auseinandergenommen habe, erst mal Abstand, bis ich sie wieder hören kann.
Wie haben die Symphoniker reagiert?
Michael Wende: Als ich den Film schneiden musste, durfte ich genau daran überhaupt nicht denken. Sonst wäre ich nie so frei gewesen für diesen komischen Schnitt, wenn Jonathan Nott gerade zu Wort kommen möchte und der Taktstockbauer sagt: Stopp, spulen wir zurück. Das ist ja ganz schön fies...
Nein, das ist wunderbar! Ein raffinierter Trick!
Michael Wende: Ich konnte mir zwar vorstellen, wie meine Familie reagiert, meine Freunde. Aber wie würden die Symphoniker reagieren? Als ich dann von Herrn Fink die Mail bekam, fiel mir schon ein Stein vom Herzen. Er hat sich die DVD in Japan angesehen, sogar zweimal hintereinander, mitten in der Nacht, als er von einem Konzert zurück ins Hotel kam. Dass der Film als DVD jetzt auch bei allen Abonnenten und Sponsoren angekommen ist, ist für mich schon wie ein Abschluss: Okay, es hat funktioniert. Vor fast einem Jahr war der Wettbewerb, da hatte ich das erste Mal die blaue Broschüre in der Hand, die genauso aussah und in der ich die Teilnehmer markierte und dachte, dass das alles ganz schön in die Hose gehen könnte. Und jetzt habe ich diesen Umschlag in der Hand, mit dem Aufdruck "Ein Dokumentarfilm von Michael Wende". Das ist ein richtig schönes Gefühl.
Welche Antworten in den vielen Gesprächen haben Sie am meisten beeindruckt?
Michael Wende: Schwer zu sagen, denn vor allem Jonathan Nott und der Gewinner Ainars Rubikis haben in ihren Interviews eindrucksvolle Sätze gesagt. Manchmal habe ich erst im Nachhinein gemerkt, wie viel Tiefe, was für ein Universum dahintersteckt. Wenn Rubikis sich am Ende bei Mahler bedankt, wenn Nott sagt, "It's not like a tennis competition”, sondern komplett anders ist als alles andere. Oder auch der Vergleich von Elizabeth Askren, die ausgeschieden ist, und sagte, dass ein Dirigent wie Wein ist, der erst heranreifen muss.
Sie sind mit Ihrem Studium zu was herangereift?
Michael Wende: Ich bin jetzt Diplom-Ingenieur für Medientechnik.
Klingt eher unkünstlerisch.
Michael Wende: Stimmt, der Studiengang besteht zu vierzig Prozent aus Technik. Aber wenn man's kann, ist es von Vorteil. Meine Freundin sagt aber auch: Was brauchst du noch Theorie, wenn du einen eigenen Stil hast.
Was ist Ihr eigener Stil?
Michael Wende: So genau kann ich das noch nicht sagen. Die eigene Schnittästhetik vielleicht, und der Versuch, die Fragen zu stellen, die sich auch das Publikum stellt. Dazu muss man das Publikum kennen. Wahrscheinlich habe ich ganz einfach ein Gefühl dafür, wann es unterhalten werden will und wann es Information braucht. Wenn man die Wirkungen kennt, die man auslösen kann, kann man gute Filme machen. Wenn man dann noch einen erkennbaren Stil hat, ist das gut für einen Filmemacher. Da arbeite ich dran. Wenn wir uns in drei Jahren wieder treffen, kann ich vermutlich schon sagen, was genau mein Stil ist.
Träumen Sie jetzt von einem großen Spielfilm?
Michael Wende: Schon. Ein bisschen. Film ist eine Leidenschaft - und wenn man die zum Beruf machen kann, tut das einfach gut. Es muss jetzt nicht gleich Hollywood und ein Oscar sein. Mein Ziel ist es, mit meiner Leidenschaft auch Geld zu verdienen und glücklich zu sein. Es sieht ganz so aus, dass das klappen könnte. Mein nächstes Ziel wäre eine internationale Produktion. Wie man am "Taktstock" sieht, interessieren mich Themen, die einem tagtäglich begegnen, aber nicht mit einem Satz zu erklären sind. Es gibt viele solche Themen, die auf der ganzen Welt auf Interesse stoßen. Und selbst wenn sie schon gemacht wurden, ich möchte sie anders und unterhaltsam aufgreifen. Einen kleinen Traum gibt es auch noch: Alle, die ich hier kenne, in ein Bamberger Kino einzuladen, um ihnen den "Taktstock" zu zeigen.
Was ist konkret Ihr nächstes Projekt?
Michael Wende: Ich lasse mir die Chance nicht entgehen, mit dem "Taktstock" klingeln zu gehen und schicke ihn jetzt bei allen möglichen Festivals ein. Mein Ziel ist es natürlich auch, ihn ins Fernsehen zu bekommen. Sowohl mit dem BR als auch mit 3Sat sind wir in Verhandlungen. Es gibt zwar noch keinen genauen Sendetermin, aber wenn alles klappt, wird das noch in diesem Jahr sein.
Sind Sie eigentlich familiär vorbelastet?
Michael Wende: Um ein paar Ecken schon. Erst vor acht Jahren habe ich erfahren, dass mein Großonkel Kurt Veth, der inzwischen um die 80 ist, ein erfolgreicher Filmemacher in der DDR war, der unter anderem einen großen Luther-Film gedreht hat. Er hat den "Taktstock" gesehen und mir in einem langen Brief detailliert geschrieben, was er gut und was er schlecht findet. Das gab mir viel Power und hat mir Mut gemacht. Es gibt einem selbst einen anderen Hintergrund, ein anderes Gefühl in der Filmwelt, wenn man weiß, dass es in der eigenen Familie schon einen erfolgreichen Regisseur.
Was hat ihm gefallen?
Michael Wende: Besonders gut fand er die Stille am Ende, die Szene, als Ainars Rubikis in dem Raum stand, sich konzentriert hat, als nichts mehr gesagt wurde, kurz bevor er rausgeht. Er schrieb mir, das ist eine der besten Stellen, denn man schaut nicht nur zu, sondern lässt alles, was bisher gesagt wurde über das Dirigieren, entweder noch mal durch den Kopf gehen oder man wird befreit davon. In jedem Fall schaut man sich diese Szene unglaublich gern an. Und wenn er dann rausgeht und der Film ist aus, weiß man, wie wichtig diese Szene war.
Ja, da steckt schon der ganze Mythos drin.
Zur Person
Michael Wende ist am 31. Juli 1982 in Lichtenfels geboren und in Hirschaid und Seigendorf aufgewachsen. Er besuchte in Bamberg das Dientzenhofer-Gymnasium bis zur Mittleren Reife und wechselte anschließend an die Fachoberschule für Gestaltung in Nürnberg. Nach dem Abitur begann er sein Studium an der Fachhochschule Deggendorf, das er mit dem Film "Der Taktstock" als Diplom-Ingenieur für Medientechnik abschloss. Ein Auslandssemester verbrachte er an der Hawaii Pacific University in Honolulu, schon während des Studiums begann er, als Filmemacher und Grafiker für das Jugendformat On3 Südwild des Bayerischen Rundfunks und die Produktionsfirma AVE in München zu arbeiten, bei der er aktuell fest angestellt ist.
Sein Film "Der Taktstock" wurde Ende letzten Jahres mit dem Medienpreis 2010 des Verlags Straubinger Tagblatt und Landshuter Zeitung ausgezeichnet. Anfang April 2011 bekam er einen Golden Palm Award beim International Mexico Filmfestival, aktuell ist er beim 40. Internationalen Studentenfilmfestival Sehsüchte in Berlin als bester Dokumentarfilm nominiert. Die Gewinner dieses Wettbewerbs werden am 8. Mai bekanntgegeben.