Was die neue Kamera-Pflicht im Auto für uns bedeutet
Autor: Christoph Dernbach, dpa
, Sonntag, 19. Juli 2026
Alle neu zugelassenen Pkw in der EU müssen den Fahrer per Innenraum-Kamera überwachen. Das System nennt sich ADDW und soll Leben retten. Doch die Technik wirft im Alltag Fragen auf.
«Vision Zero» - Die Europäische Union hat sich fest vorgenommen, bis zum Jahr 2038 die Zahl der Verkehrstoten drastisch zu senken. Um der Vision von null Verkehrsopfern möglichst nahezukommen, wurden vor Jahren bereits Geschwindigkeitsassistenten in modernen Autos Pflicht, die Alarm geben, wenn eine Höchstgeschwindigkeit überschritten wird.
Zuletzt wurde das Innenraum-Überwachungssystem ADDW (Advanced Driver Distraction Warning bzw. Erweitertes Fahrerablenkungswarnsystem) eingeführt, das die Verkehrssicherheit spürbar erhöhen soll. Die Europäische Kommission beruft sich auf Schätzungen von Unfallforschern, wonach 10 bis 30 Prozent aller Verkehrsunfälle in Europa auf Ablenkung zurückzuführen seien – allen voran die illegale Smartphone-Nutzung am Steuer.
Wie funktioniert die Innenraum-Überwachung ADDW?
Es handelt sich um ein kamerabasiertes System, das mithilfe von Infrarotsensoren das Gesicht, die Kopfhaltung und vor allem die Blickrichtung des Fahrers scannt. Weicht der Blick zu lange von der Fahrbahn ab, schlägt das System Alarm. Die Infrarot-Technik funktioniert zumindest in der Theorie auch im Dunkeln oder durch Sonnenbrillen hindurch.
Manche Automobilhersteller setzen auch die aufwendigere Radartechnik ein, um etwa zurückgelassene Kleinkinder im Auto zu entdecken. Allerdings ist die Kindererkennung CPD (Child Presence Detection) nicht gesetzlich vorgeschrieben.
Werden die Fahrerinnen und Fahrer jetzt permanent überwacht?
Ja, aber die technischen und rechtlichen Rahmenbedingungen der EU sind eng definiert. Das ADDW ist als geschlossenes System (Closed-Loop) definiert. Das bedeutet:
- Die Bilddaten werden in Echtzeit rein lokal im Fahrzeug verarbeitet.
Sobald das System eine Warnung ausgegeben (oder verworfen) hat, müssen die Rohdaten sofort und unwiderruflich gelöscht werden. - Übertragungen in die Cloud, an den Autohersteller, Versicherungen oder Behörden sind illegal.
- Eine biometrische Gesichtserkennung zur Ablenkungswarnung wurde ausdrücklich verboten. Das ADDW-System erkennt nicht, wer hinter dem Steuer sitzt.
Kann die Innenraum-Überwachung die Unfallzahlen tatsächlich absenken?
Experten wie der Verkehrspsychologe Michael Praxenthaler vom Allianz Zentrum für Technik (AZT) halten automatische Aufmerksamkeitsdetektoren prinzipiell für eine sinnvolle zusätzliche Sicherheitsmaßnahme. «Die bisherigen wissenschaftlichen Feldstudien zeigen, dass sie das Blickverhalten positiv beeinflussen können. Der konkrete Nachweis einer Reduktion des Unfallrisikos im Realverkehr steht jedoch noch aus.» Die Systeme ersetzten keine möglichst ablenkungsarme Gestaltung der Fahrzeugbedienung.