Warum an manchen Tagen gar keine Briefe im Briefkasten sind
Autor: Wolf von Dewitz, dpa
, Montag, 06. Juli 2026
Schon wieder nichts drin! Der Blick in den Briefkasten kann frustrierend sein. Die Leere hat etwas mit sinkenden Briefmengen im Digitalzeitalter zu tun – und einem neuen Zustellsystem der Post.
Der Versand von Briefen hat sich in Deutschland zwar verlangsamt – einen neuen gesetzlichen Spielraum nutzt die Deutsche Post nach eigener Darstellung aber längst nicht aus. Die durchschnittliche Laufzeit, also die Zeit zwischen Briefkasten-Einwurf und Zustellung, habe sich seit 2024 um etwa 0,6 Tage verlangsamt, sagte Konzernchef Tobias Meyer der Deutschen Presse-Agentur in Bonn. Laut der Gesetzesänderung wäre eine Verlangsamung der Briefzustellung um fast zwei Tage möglich. Mehr als 90 Prozent der heute eingeworfenen Briefe seien innerhalb der ersten zwei Werktage nach Einwurf zugestellt, sagt Meyer.
2025 traten wesentliche Teile einer Postgesetz-Novelle in Kraft, seither hat sich der gesetzliche Zeitdruck auf die Post abgeschwächt. Früher mussten 80 Prozent der heute eingeworfenen Briefe am nächsten Werktag beim Adressaten sein, diese Pflicht wurde E+1 genannt (Einwurf plus ein Tag). Diese Vorgabe hielt die Post ein: 2024 – also im letzten Jahr dieser Pflicht – erreichte sie eigenen Angaben zufolge 84 Prozent.
95 Prozent mussten am übernächsten Werktag da sein (E+2), hier lag die Post 2024 bei 96 Prozent. Beide Pflichtwerte wurden zum Jahreswechsel 2025 gekippt, da der Zeitfaktor bei Briefen im Digitalzeitalter nicht mehr allzu wichtig ist: Dringliche Kommunikation macht man ohnehin über Mails oder Chatnachrichten.
Stattdessen gilt seit 2025 die Vorgabe, dass 95 Prozent der Briefe am dritten Werktag da sein müssen (E+3) und 99 Prozent am vierten Werktag (E+4). Die beiden neuen Mindestwerte hat die Post nach eigener Darstellung im vergangenen Jahr erreicht, 97,4 Prozent waren am dritten Werktag beim Empfänger und 99,0 Prozent am vierten Werktag.
Für bestimmte Verspätungen kann die Post nichts
Besonders die E+4-Vorgabe sei herausfordernd, sagt Konzernchef Meyer. «0,1 bis 0,2 Prozent der Briefe haben eine falsche Adresse, die laufen zurück zur Adressprüfung, um eine Zufallszustellung zu vermeiden – mit der Folge, dass diese Briefe verzögert ankommen, was aber kein Fehler der Deutschen Post ist», sagt der Manager. «Wenn man noch weitere Spezialfälle wie unbeschriftete Briefkästen, Probleme mit der Zugänglichkeit von Liegenschaften und Ähnliches hinzuzieht, für die wir nichts können, dann ist man relativ schnell bei einem Prozent.» Das bedeute, dass sich die Post bei der E+4-Quote praktisch keinen Fehler erlauben dürfe.
Hinzu kämen Herausforderungen bei der Messgenauigkeit und weitere Beeinträchtigungen, für die die Post nichts könne, etwa wenn eine Brücke über einen Fluss wegen Sanierungsarbeiten lange gesperrt sei und man weite Umwege fahren müsse. Auch das könne dazu führen, dass ein Brief später ankomme.
Eine weitere Widrigkeit sei ein schwerer Wintereinbruch samt spiegelglatter Straßen, wo nicht mehr gestreut werde. Dies behindere die Postzustellung über Tage, auch weil die Deutsche Post Arbeitszeitregelungen einhalte und das Problem nicht wie andere Zustelldienste auf Subunternehmer und Scheinselbstständige abwälze, sagt Meyer mit einem Seitenhieb auf die Konkurrenz.