«Stadt verändern»: Linke greift in Berlin nach der Macht
Autor: Stefan Kruse, dpa
, Sonntag, 20. Sept. 2026
In Berlin steht nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus ein Regierungswechsel an. Die zwischenzeitlich schon totgesagte Linke jubelt. Die CDU kann ihr nicht Paroli bieten - hofft aber noch.
«Wir haben Geschichte geschrieben, Freunde», ruft Linke-Spitzenkandidatin Elif Eralp ihren ausgelassen jubelnden Anhängern zu - auf Türkisch. Ihre Partei gewinnt die Berlin-Wahl nach Hochrechnungen von ARD und ZDF überraschend klar vor der CDU und hat nun erstmals die Chance, die Regierende Bürgermeisterin zu stellen. Eralp wäre auch die erste Berliner Regierungschefin mit Migrationshintergrund - sie hat türkische Wurzeln.
Eralp will nun eine Dreierkoalition mit Grünen und SPD schmieden, um das bisherige Bündnis von CDU und SPD abzulösen. Und sie will, wie sie sagt, die teure Hauptstadt «für alle bezahlbar» machen und Mieten senken. Ein Schritt auf diesem Weg soll eine Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne sein - also eine Enteignung gegen Entschädigung. Das lässt auch international aufhorchen.
Erklärtes Ziel von CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers war es, das Rote Rathaus für die Union zu verteidigen. Rechnerisch schien das am Abend noch möglich, laut Hochrechnungen hätte auch eine Koalition aus CDU, Grünen und SPD rechnerisch eine Mehrheit. Die Grünen kündigten jedoch an, Rot-Grün-Rot anzustreben, der bisherige schwarz-rote Senat sei abgewählt. Ein solches linkes Bündnis regierte in der Hauptstadt bereits zwischen 2016 und 2023, allerdings unter SPD-Führung.
Linke doppelt so stark wie 2023
Laut den Hochrechnungen von ARD und ZDF kann die Linke in Berlin mit gut 25 Prozent rechnen - eine Verdopplung im Vergleich zur Wahl 2023. Die CDU, die seit ihrem damaligen Wahlsieg gemeinsam mit der SPD regiert, liegt bei etwa 19 Prozent und verlor damit rund 8 Prozentpunkte.
Platz drei sichert sich eine erstarkte AfD, die mit rund 16 Prozent aber schwächer abschneidet, als letzte Umfragen es vermuten ließen - und mit der niemand koalieren will. Für die Grünen bedeuten gut 14 Prozent ein leichtes Minus und nur Platz vier - ihre Hochburg Friedrichshain-Kreuzberg verloren sie an die Linken.
Die SPD, die in Berlin seit der Wiedervereinigung ununterbrochen mitregiert, fällt den Hochrechnungen zufolge auf 12 Prozent ab - das ist ihr historisch schlechtestes Wahlergebnis in der Stadt. Das BSW scheitert Stand 22.00 Uhr knapp an der 5-Prozent-Hürde.
Hauptthema Wohnen und Mieten
Bei der Linke-Wahlparty regnete es Konfetti, der Jubel kannte keine Grenzen. «Ab heute verändern wir gemeinsam unser Berlin und machen daraus einen besseren Ort», sagte Eralp. Die Linke setzte im Wahlkampf auf ein Megathema, das vielen Menschen in der Hauptstadt auf den Nägeln brennt: Wohnungsmangel und hohe Mieten. Eralp versprach, einen erfolgreichen Volksentscheid aus dem Jahr 2021 zur Enteignung großer Wohnungskonzerne gegen Entschädigung jetzt ohne Wenn und Aber umzusetzen.