Vorsprung im Straßenwahlkampf - wie die AfD mobilisiert
Autor: Christopher Kissmann, dpa
, Freitag, 01. Mai 2026
Die AfD verfolgt in Sachsen-Anhalt eine klare Strategie - der gezielte Kontakt zu Bürgern auf der Straße soll den Erfolg bringen. Wie reagieren die anderen Parteien im Wahlkampf auf die Offensive?
Ein leuchtend blauer Infostand in der Innenstadt, die Gruppe hält fröhlich Werbemittel in die Kamera - es ist ein wiederkehrendes Bild, dass sachsen-anhaltische AfD-Politiker auf ihren Kanälen im Internet posten. Die Stimmung ist in der Regel «großartig», der Zuspruch «phänomenal» und man nennt sich selbstbewusst «Bürgerpartei». «Hol dir dein Land zurück», steht auf dem Schirm am Stand. Auf den Straßen in Sachsen-Anhalt hat die AfD inzwischen eine Menge Land erobert.
Die Rechtspopulisten sind seit Jahren an vielen Orten regelmäßig vertreten - nicht nur mit Infoständen, sondern auch bei Demonstrationen und Bürgerdialogen. Das große Ziel: der Sieg bei der Landtagswahl im September. Die angestrebte Alleinregierung soll das Ergebnis einer Fleißarbeit auf den Straßen in Magdeburg, Bitterfeld und Naumburg sein - die Unzufriedenheit und den Frust der Menschen anhören und am Ende versprechen, dass sich mit der AfD vieles ändern würde.
Ankämpfen gegen einen gemeinsamen Gegner
«Es fällt auf, dass die AfD stärker mobilisiert als die Mainstream-Parteien – obwohl sie weniger Mitglieder hat als CDU oder SPD», sagt der Politikwissenschaftler Benjamin Höhne mit Blick auf die bundesweiten Mitgliederzahlen. «Viele AfD-Mitglieder sind motiviert und engagiert.» Mit den gemeinsamen Aktionen würden Gefühle der Verbundenheit gefördert. «Das Ankämpfen gegen einen gemeinsamen Gegner schweißt zusammen», so der Politikwissenschaftler, der an der TU Chemnitz lehrt.
Am 1. Mai wird das erneut sichtbar. In Schönebeck hat die ESN-Partei, zu der die AfD und andere Rechtsparteien in Europa gehören, zu einem Familienfest eingeladen. Auf einem gut gefüllten Platz genießen die Menschen zu Schlagermusik kostenfreies Essen und Getränke - eine Veranstaltung mit Volksfestcharakter. «Parteipolitik hat immer auch eine geselligkeitsorientierte Seite. Mit einem Familienfest können auch Menschen angesprochen werden, die einen Bogen um harte rechtsextreme Parolen machen», sagt Höhne. «Daher dient so ein Fest auch der Normalisierung der AfD.»
Druck von Rechtsaußen
In Sachsen-Anhalt wird die Alternative für Deutschland vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. Doch die Wähler scheint das nicht abzuschrecken. In Umfragen lag die AfD zuletzt bei etwa 38 Prozent - sie hat mehr als zehn Prozentpunkte Vorsprung vor der CDU. Haben die anderen Parteien die manchmal unbequeme Konfrontation mit den Bürgern zu sehr gescheut und so der AfD das Feld überlassen?
«Ich würde nicht von Selbstgefälligkeit bei den anderen Parteien sprechen, das wäre zu hart ausgedrückt und würde den Druck, der auf ihnen angesichts der Rechtsaußen-Konkurrenz lastet, negieren», sagt Politikwissenschaftler Höhne. «Aber vielleicht haben sie sich manchmal zu sehr parlamentarischen Routinen und parteiinternen Prozessen hingegeben.»
Schulze will raus auf die Marktplätze
Nach außen geben sich etwa SPD und CDU mit Blick auf die Aktivitäten der AfD betont gelassen. «Wir setzen auf unsere eigene Stärke», teilt die SPD mit. Ähnlich ist es bei der Union: «Wir setzen nicht auf Lautstärke, sondern auf Verlässlichkeit, Inhalte und dauerhafte Präsenz», sagt eine CDU-Sprecherin. Man sei als «Sachsen-Anhalt-Partei» vor Ort verwurzelt.