Da die Commerzbank laufend Aktien zurückkauft, erspart sich die Unicredit mit dem Manöver, stetig Commerzbank-Aktien verkaufen zu müssen, um unter der 30-Prozent-Schwelle zu bleiben. Mit dem freiwilligen Übernahmeangebot, das nur einen kleinen Aufschlag vorsieht, hat Orcel die Möglichkeit, weitere Commerzbank-Aktien an der Börse zu kaufen. Ein Pflichtangebot wäre wohl teurer geworden.
Warum sich die Unicredit für die Commerzbank interessiert
Die Unicredit, die im deutschen Markt mit der Hypovereinsbank (HVB) bereits ein Standbein hat, wirbt seit Monaten für eine Übernahme der Commerzbank. Orcel sieht Chancen in einem kombinierten Geschäft mit Privat- und Mittelstandskunden und argumentiert, Europa brauche im Wettlauf mit den starken US-Geldhäusern größere Banken. Er glaube an Deutschland und den Mittelstand, bekräftigte Orcel am Montag.
Einstieg auf Umwegen
Die Tür für die Unicredit hatte ausgerechnet die damalige Ampel-Koalition geöffnet mit einem verunglückten Teilausstieg bei der Commerzbank. Orcel nutzte das, um im September 2024 überraschend einzusteigen. Nach und nach baute die Unicredit ihre Beteiligung aus und überholte den deutschen Staat als größten Commerzbank-Aktionär. Er hatte die Commerzbank in der Finanzkrise mit Steuermilliarden vor dem Kollaps bewahrt und hält noch rund 12 Prozent.
Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) sagte, die Interessen der Mitarbeiter und Kunden der Commerzbank, ein wichtiger Finanzierer für den Mittelstand, müssten in allen Gesprächen «angemessen berücksichtigt werden». Maßstab bleibe, «dass der europäische Finanzplatz Frankfurt am Main, Europas Nummer 1, gestärkt und nicht geschwächt wird».
Verdi fürchtet großen Jobabbau
Commerzbank-Chefin Orlopp versucht, die Eigenständigkeit ihres Hauses mit allen Mitteln zu verteidigen. Sie verordnete dem Konzern ehrgeizige Renditeziele, höhere Dividenden und verkündete den Abbau von etwa 3.900 Stellen, davon den Großteil in Deutschland. Orlopp setzt auf den stark gestiegenen Aktienkurs als Abschreckung gegen die Unicredit - offensichtlich ohne Erfolg.
Das Szenario einer Übernahme schürt Ängste in der Commerzbank-Belegschaft und bei Arbeitnehmervertretern. So fürchtet Verdi einen Schrumpfkurs, sollten die Italiener die Kontrolle übernehmen - so wie schon bei der Übernahme der HVB durch die Unicredit 2005. Orcel handele bei der Commerzbank «weiterhin unkalkulierbar und spielt mit dem Vertrauen der Beschäftigten aber auch der gesamten deutschen Wirtschaft», kritisierte Verdi-Bundesvorstand Christoph Schmitz-Dethlefsen.
Commerzbank-Betriebsratschef Sascha Uebel nannte den jüngsten Schritt der Unicredit «geschäftsschädigend». «Das ist die nächste Stufe der Unverschämtheit. Das ist nicht nur unabgestimmt, das ist feindlich», sagte Uebel der Deutschen Presse-Agentur und kündigte Widerstand an: «Wenn Orcel Synergieeffekte heben will, bräuchte es einen Stellenabbau. Dafür bräuchte er uns Betriebsräte. Die Commerzbank-Betriebsräte haben bewiesen, dass sie zäh sind».