Terror aus dem Kinderzimmer: Was steckt hinter «Terrorgram»?
Autor: Martin Oversohl, dpa
, Dienstag, 13. Januar 2026
Eine Studie zeigt, wie sich meist minderjährige Jungen per Mausklick radikalisieren, Gewaltfantasien teilen und Anschläge planen. Experten warnen vor einer wachsenden, schwer kontrollierbaren Szene.
Sie verehren Massenmörder und teilen ihre eigenen Amokfantasien. Jugendliche verbreiten ihre oft rechtsextremistische Propaganda, 13-Jährige planen Anschläge auf ihre Schulen, junge Männer setzen Kinder unter Druck, damit sich diese selbst verletzen. Alles online, alle per Mausklick - und das meiste aus dem Kinderzimmer heraus.
Eine neue Studie zeigt die Abgründe dieser Online-Szene auf. Überaus gewaltbereite Jugendliche teilen in einem losen Netzwerk aus Chatgruppen und Kanälen etwa über den Messenger-Dienst Telegram Anschlagspläne und extremistische, oft sadistische, teils satanische Gewaltaufrufe. Der Untersuchung zufolge sind Hunderte deutscher Neonazis und andere in dieser sogenannten Terrorgram-Szene online miteinander vernetzt.
Was macht diese Szene aus?
Nach Angaben des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg handelt es sich um ein jugendlich geprägtes, gewaltbereites neofaschistisches und rechtsextremistisch beeinflusstes Netzwerk. Gemeinsam mit den Generalstaatsanwaltschaften Stuttgart und München hat das LKA mehr als drei Dutzend Fälle aus ganz Deutschland untersucht. Demnach wächst die gewaltverherrlichende Online-Struktur seit Jahren dynamisch und das Dunkelfeld ist groß.
Wer ist Teil von «Terrorgram»?
Die Anhänger sind laut Studie im Schnitt knapp über 16, einige sogar unter 14 Jahre alt – eine Altersgruppe, die noch keine festen Wertvorstellungen habe und daher besonders anfällig für extremistische Propaganda sei, sagte Daniel Köhler vom LKA-Kompetenzzentrum gegen Extremismus in Baden-Württemberg. Ausschließlich alle untersuchten Anhänger seien männlich - und litten unter «diagnostizierten psychischen Erkrankungen oder Auffälligkeiten».
Wie werden die jungen Menschen radikalisiert?
Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) spricht von «Blitzradikalisierungen», die in jedem zweiten Fall weniger als ein Jahr dauerten. «Die Szene radikalisiert sich oftmals unbemerkt in den Kinderzimmern unserer Wohnungen», so Strobl.
Die meisten seien Einzelgänger ohne sozialen Halt, von der Familie vernachlässigt. «Etwa die Hälfte von ihnen hat keinerlei Freunde oder Hobbys», sagt Köhler. «Diese Menschen bewegten sich nahezu ausschließlich in der virtuellen Welt.» Sie setzten darauf, dass niemand genau hinschaue. Daher komme dem sozialen Umfeld eine zentrale Funktion als Frühwarnsystem zu.
Und warum machen sie mit?
Psychisch angeschlagen und sozial teils isoliert, fühlen sich viele Kinder und Jugendliche diskriminiert, so die Experten. Sie kanalisieren ihre Wut gegen die Gesellschaft auch in den Chatgruppen der virtuellen Welt, in denen sie kaum auf Gegenstimmen treffen. Hier fühlen sie sich zugehörig, hier können sie anonym mit Gewaltfantasien Aufmerksamkeit erlangen, sich «wichtig» fühlen und ihre Ängste und Unsicherheiten ablegen.