Druckartikel: SPD-Beben: Bärbel Bas tritt zurück – "schäbige und unanständige" Attacken?

SPD-Beben: Bärbel Bas tritt zurück – "schäbige und unanständige" Attacken?


Autor: Alexander Milesevic, Agentur dpa

Berlin, Montag, 12. Oktober 2026

SPD‑Politikerin Bärbel Bas tritt als Arbeitsministerin und als Chefin der Sozialdemokraten zurück. Bremens Regierungschef zeigt sich betroffen – und kritisiert ein strukturelles Problem.
Die Arbeitsministerin und SPD-Chefin Bärbel Bas hat ihren sofortigen Rücktritt von beiden Ämtern angekündigt.


Update vom 12.10.2026, 16.54 Uhr: Attacken auf Bas auch in den vergangen Tagen forgesetzt

Bremens Regierungschef Andreas Bovenschulte hat die Angriffe auf die zurückgetretene Arbeitsministerin und SPD-Vorsitzende Bärbel Bas scharf verurteilt. "Seit langem wird sie systematisch attackiert. Das ist schäbig und unanständig", sagte der SPD-Politiker.

Bas hatte am Montagmorgen (12. Oktober 2026) überraschend ihren sofortigen Rücktritt von beiden Ämtern verkündet und die Entscheidung mit dem Tod ihrer Stieftochter begründet. Doch auch öffentliche Angriffe – insbesondere aus den Reihen der Union als Koalitionspartner – hätten sie zu diesem Schritt bewogen. "Da ich momentan nicht die Kraft aufbringen kann, kurzfristig meine Regierungs- und Parteiarbeit vollumfänglich auszuüben, habe ich mich entschieden, beide Ämter aufzugeben", teilte sie mit. 

Bovenschulte zeigte sich bestürzt und wütend darüber, dass die Attacken selbst in den vergangenen Tagen anhielten. "Nicht einmal auf eine persönliche Ausnahmesituation wird noch Rücksicht genommen", kritisierte der Bremer Regierungschef. "Das ist Ausdruck einer Verrohung der politischen Kultur, die besonders Frauen trifft."

Rücktritt wegen Trauerfall – Wüst zeigt Mitgefühl für Bas

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) reagierte mit Mitgefühl auf den Rücktritt von Bärbel Bas. "Es ist nicht richtig, wenn sich Eltern von Kindern verabschieden müssen", schrieb Wüst auf der Plattform X. "Meine Gedanken und mein tief empfundenes Mitgefühl sind bei Bärbel Bas und ihrer Familie." Vor der persönlichen Entscheidung von Bas habe er großen Respekt.

Politiker der Union hatten Bas zuletzt vorgeworfen, Reformen etwa bei der Rente zu verschleppen. Auf diese Vorwürfe ging Wüst in seinem Beitrag nicht ein.

SPD-Parteichef Lars Klingbeil bezeichnet die Angriffe als "unanständig", während Generalsekretär Tim Klüssendorf hervorhebt: "Wir müssen als Gesellschaft und insbesondere auch innerhalb der Politik dringend wieder zu einem menschlicheren Umgang miteinander finden." Welche Angriffe konkret gemeint sind, wurde nicht spezifiziert.

Was der Rücktritt mit der Koalition macht

In der schwarz-roten Koalition könnten die Erklärungen für neue Spannungen sorgen. Merz zeigt Verständnis und dankt Bas. "Als Vater und Großvater kann ich nur erahnen, wie schwer dieser Verlust wiegt", schreibt er.

Zu den Vorwürfen gegen seine Partei sagt der Kanzler, er selbst habe mit Bas Meinungsverschiedenheiten in der Sache gehabt, "aber ich kann für meine Person sagen: Ich habe immer nur in Sachfragen mit ihr diskutiert, nie persönlich". In den vergangenen drei Wochen, die für Bas besonders schwer gewesen seien, habe er auch von seiner Partei "jede persönliche, auch christliche Rücksichtnahme auf sie eingefordert". Die CDU habe dagegen nicht verstoßen, sondern Mitgefühl zum Ausdruck gebracht.

In der CDU-Führung herrscht jedoch Verwunderung über die Vorwürfe. Der Vorsitzende des einflussreichen Parlamentskreises Mittelstand (PKM) in der Unionsfraktion, Christian von Stetten, hatte Bas vor einem Monat scharf kritisiert und ihr die Eignung für ihr Amt abgesprochen. "Die Ministerin ist nicht mehr tragbar", sagte der CDU-Abgeordnete der Bild. "Seit Monaten blockiert sie die Reformen, die unser Land so dringend braucht." Zu diesem Zeitpunkt wusste dem Vernehmen nach aber kaum jemand in der CDU von der Krankheit der Stieftochter.

Bas' Nachfolger als Gegner der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren

Der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Gordon Schnieder (CDU), weist die Kritik am Umgang mit Bas ebenfalls zurück. "Das muss man dann auch aushalten", sagte er dem Nachrichtensender Welt TV. "Wenn man Vereinbarungen nicht einhält, wenn man auch entsprechende Entwürfe nicht auf den Tisch legt, wenn man damit nicht ins Kabinett geht, dann muss man sich irgendwann fragen lassen, warum das nicht so ist."

Außenminister Johann Wadephul bemühte sich, die Wogen zu glätten. "Für die Koalition bedeutet das natürlich gar nichts." Die Arbeit müsse fortgesetzt werden, Deutschland brauche eine handlungsfähige Regierung. Regierungssprecher Stefan Kornelius erklärte: "Die Koalition arbeitet weiter."

So einfach wird es jedoch nicht sein. Bas' Nachfolger Schweitzer gilt wie Schwesig als entschiedener Gegner der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren. "Wer das infrage stellt, verwechselt Sparpolitik mit Gerechtigkeit", sagte Schweitzer im August.

Was das für die anstehende Rentenreform bedeutet

Damit stellte auch er das von Bas anfangs noch als "Gesamtkunstwerk" gepriesene Reformpaket infrage. Weite Teile der SPD sowie mehrere CDU-Ministerpräsidenten machen seit längerem Front gegen eine Abschaffung der sogenannten "Rente mit 63".

Er gehe davon aus, dass die Geschäftsgrundlage des Koalitionsvertrages und auch die Verabredung zur Rentenreform durch Bas' Rücktritt nicht infrage gestellt würden, sagt Merz. Der Entwurf für einen ersten Teil der Rentenreform wurde in Koalitionskreisen zuletzt für diesen Oktober erwartet. Merz baute schon in der vergangenen Woche vor: Bis zur parlamentarischen Zustimmung ist nach seinen Worten jetzt Frühjahr statt Jahresende geplant. Was der überraschende Rücktritt nun für diesen Zeitplan bedeutet, ist unklar.

Viele prominente Politiker reagieren auf Bas' Erklärung mit Sympathiebekundungen. Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt, die in Bas' Amtszeit als Bundestagspräsidentin einen der Vizeposten innehatte, schreibt unter ihren Post auf Instagram: "Die Erbarmungslosigkeit der Angriffe auf dich werfen ein furchtbares Bild auf diese Art der politischen Auseinandersetzung."

Wie es für Bas weitergeht

Bas selbst bedankt sich für die Unterstützung im Ministerium. Abgeordnete im Bundestag will sie bleiben, wie sie ankündigt. «Hier endet für mich ein Kapitel, aber nicht die Geschichte», hat sie ihre Erklärung überschrieben.

Bas vertritt seit 2009 als direkt gewählte Abgeordnete den Wahlkreis Duisburg I im Bundestag. Von 2021 bis 2025 war sie Bundestagspräsidentin, im Mai 2025 wurde sie Bundesarbeitsministerin, im Juni 2025 dann neben Lars Klingbeil SPD-Vorsitzende. Ihr Bundestagsmandat will sie behalten.

Update vom 12.10.2026, 11.09 Uhr: Merz zollt Bas nach Rücktritt Respekt 

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat Bärbel Bas für ihren Rücktritt als Arbeitsministerin und SPD-Chefin nach dem Tod ihrer Stieftochter Respekt gezollt und ihr für ihre Arbeit gedankt.

"Bärbel Bas und ich haben in der Bundesregierung vertrauensvoll zusammengearbeitet. Für das Engagement danke ich ihr", schrieb er auf dem Nachrichtenportal X. "Ihre Entscheidung verdient Respekt. Als Vater und Großvater kann ich nur erahnen, wie schwer dieser Verlust wiegt. Ihr und ihrer Familie wünsche ich viel Kraft."

Bas hatte ihren Rücktritt unter anderem mit dem Tod ihrer Stieftochter begründet und erklärt, gleichzeitig seien in der persönlich schwierigen Zeit auch öffentliche Angriffe auf sie, "leider auch aus den Reihen des Koalitionspartners", weiter forciert worden. Zu diesem Vorwurf äußerte sich der CDU-Chef Merz zunächst nicht. Am Nachmittag (13.30 Uhr) ist eine Pressekonferenz mit Merz nach den Beratungen der CDU-Führungsgremien geplant.

Update vom 12.10.2026, 9.18 Uhr: Schwesig nennt Angriffe der Union auf Bas "unmenschlich" - steht Nachfolger fest?

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) hat nach dem Rücktritt von Bärbel Bas das Verhalten der Union scharf kritisiert. "Mein Mitgefühl gilt Bärbel Bas", schrieb die SPD-Landeschefin am Morgen auf der Plattform X.

"Ich wünsche ihr viel Kraft in dieser schweren Situation. Persönlich danke ich Bärbel Bas für die gute Zusammenarbeit! Die Attacken der CDU – trotz ihrer persönlichen schweren Situation – waren unmenschlich und rücksichtslos."

Bas hatte am Montagmorgen bekannt gegeben, als Arbeitsministerin und SPD-Chefin zurückzutreten. Sie begründete den Schritt in einer öffentlichen Mitteilung mit dem Tod ihrer Stieftochter und mit öffentlichen Angriffen auf sich, auch aus den Reihen des Koalitionspartners, der Union.

Unterdessen soll der Nachfolger von Bas als Arbeitsminister bereits feststehen:  Der ehemalige SPD-Ministerpräsident Alexander Schweitzer aus Rheinland-Pfalz soll nach dem Rücktritt von Bas neuer Arbeitsminister werden. Das erfuhr die dpa, zuvor hatten mehrere Medien berichtet.

Meldung vom 12.10.2026, 8.07 Uhr: Bas tritt als SPD-Cefin und Ministerin zurück –"nicht die Kraft"

Die Arbeitsministerin und SPD-Chefin Bärbel Bas hat ihren sofortigen Rücktritt von beiden Ämtern angekündigt.

"Da ich momentan nicht die Kraft aufbringen kann, kurzfristig meine Regierungs- und Parteiarbeit vollumfänglich auszuüben, habe ich mich entschieden, beide Ämter aufzugeben", teilte die 58-Jährige mit. Ihr SPD-Co-Chef Lars Klingbeil sei bereits informiert, auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) habe sie gebeten, sie aus dem Amt zu entlassen. 

Grund auch Angriffe aus der Union

Bas begründete den Schritt einerseits mit dem Tod ihrer Stieftochter. Sie brauche nun Zeit, die Trauer zu verarbeiten. "Diese möchte ich mir ausreichend nehmen", schrieb sie. Gleichzeitig seien aber auch öffentliche Angriffe auf sie, "leider auch aus den Reihen des Koalitionspartners", in der persönlich schwierigen Zeit weiter forciert worden. 

Politiker aus der Union hatten Bas zuletzt scharf dafür kritisiert, dass sie Gesetzentwürfe zu geplanten Reformvorhaben zum Beispiel in der Rente nicht schnell genug vorlege. Sie hatten ihr vorgeworfen, die Reformen zu verschleppen und zu blockieren. 

In ihrer Mitteilung bedankte sich Bas für die Unterstützung im Arbeitsministerium. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten eine starke Hausleitung verdient, "die mit voller Kraft die anstehenden Gesetze und Reformvorhaben vorantreibt", erklärte sie. Auch der SPD-Spitze sprach sie Dank aus. Abgeordnete im Bundestag werde sie bleiben, erklärte Bas.

Bas bleibt Bundestagsabgeordnete

SPD-Chef Klingbeil äußerte sich traurig über die Entscheidung von Bas. "Hinter den Ämtern sind wir alle nur Menschen", betonte er. Deshalb könne er den Schritt persönlich nachvollziehen. "Die Angriffe gegen sie in den letzten Tagen ihrer Trauer waren unanständig. Sowas gehört sich nicht", betonte der Vizekanzler. SPD-Fraktionschef Matthias Miersch würdigte, Bas habe Haltung gezeigt, auch wenn es unbequem wurde. "Aber die Kraft ist endlich."