Es kommt nicht so häufig vor, dass ich Markus Söder zustimme. Doch was der bayerische Ministerpräsident da am Mittwoch zur Klausurtagung der Ampel-Koalition in Meseberg auf Twitter äußerte, kann ich nur unterschreiben: "Schöne Bilder ersetzen keine gute Politik." Toll wäre nur, wenn der Mittelfranke sich auch selbst daran halten würde. 

Denn ein Blick auf den Twitter-Account des bayerischen Politikers offenbart: Sich "in Szene setzen" kann Markus Söder wie kaum ein anderer. Schlimmer wird es noch auf Instagram. Man stellt sich unweigerlich die Frage: Ist man hier auf der Seite des Ministerpräsidenten eines deutschen Bundeslandes - oder doch eher auf der Seite eines Modells für Trachten und Funktionskleidung?

Politiker verkommen zu Influencern

Söder ist aber natürlich kein Einzelfall: Viele "moderne" Politiker verhalten sich immer mehr wie Influencer. Der einzige Unterschied: "product-placement" wird ersetzt durch "politics-placement". Man ist eben auf Stimmenfang im Netz. 

Die "Selfie-Politik" perfektioniert hat jedoch sicher FDP-Politiker und Finanzminister Christian Lindner. Schon die FDP-Bundestagswahlplakate im vergangenen Jahr wirkten wie Screenshots seiner Instagram-Timeline. Auf seiner persönlichen Internetseite ging Lindner damals noch weiter. Statt eines Standbildes erwartete den Besucher dort ein Gif: Gezwungen spitzbübisch wurde man dort vom  43-jährige Spitzenpolitiker angezwinkert. Noch heute habe ich deswegen ab und zu Alpträume.

Ob sich Söder in seinem Tweet vor allem auf Lindner bezog, ist nicht überliefert. Ganz unwahrscheinlich ist es nicht. Denn Lindner "zwitscherte" natürlich auch aus Meseberg. Sein Parteikollege und Verkehrsminister Volker Wissing habe ihn "überzeugt", dass das mit einem Nachfolger des 9-Euro-Tickets doch gar keine so schlechte Idee sei. Wie genau ein Nachfolger aussehen könnte und vor allem, was das kosten soll (sowohl Staat als auch Bürger), darüber natürlich kein Wort. Dafür aber ein tolles Selfie mit Lindner und Wissing vor prunkvollem Schloss unter dem Hashtag #Wissing wirkt. 

Das Handy der ehemaligen Kanzlerin Angela Merkel war jahrelang Gegenstand von Diskussionen und Ermittlungen. Immerhin soll der amerikanische Geheimdienst NSA das Handy der Kanzlerin systematisch abgehört und ausgewertet haben. Zumindest das müssen Söder, Lindner und viele andere deutsche Politiker*innen derzeit nicht fürchten - zumindest so lange es bei ihnen weiterhin vor allem um schöne Bilder und eben nicht um gute Politik geht.