Sondieren gegen den Orkan: Bekommt Berlin Rot-Grün-Rot?
Autor: Stefan Kruse und Andreas Heimann, dpa
, Freitag, 09. Oktober 2026
Linke, Grüne und SPD versuchen in Berlin auszuloten, ob sie zusammen regieren können. Noch gibt es einige Hürden zu nehmen. Auch das Thema Antisemitismus sorgt weiter für Diskussionen.
In Berlin eine neue Landesregierung zu bilden, bleibt eine schwierige Aufgabe: In den Sondierungsgesprächen, die nun in Gang gekommen sind, müssen der Wahlsieger Linke, die Grünen und die SPD etliche Brocken aus dem Weg räumen. Und an der mühsam ausgehandelten Grundsatzeinigung auf eine gemeinsame Linie zum Thema Antisemitismus gibt es bereits scharfe Kritik.
Beim Treffen am Freitag nahmen sich die Verhandler gleich einen Knackpunkt vor: das liebe Geld. Die Haushaltslage der Hauptstadt gilt als angespannt. Allein zur Finanzierung des Etats 2028 fehlen laut Fachleuten mehr als vier Milliarden Euro. In den Jahren darauf drohen weitere Milliardenlöcher. Geklärt werden muss also, welche der vielen teuren Wahlversprechen finanzierbar sind.
Vergesellschaftung bleibt ein umstrittenes Thema
Für Konflikte dürfte auch das Versprechen von Linken und Grünen sorgen, große private Wohnungskonzerne zu vergesellschaften. 220.000 Wohnungen sollen so in öffentliche Hand kommen. SPD-Landeschef Steffen Krach hat sich schon vor der Wahl dagegen gestemmt: «Mit mir wird es keine Enteignungen geben.» Auch diesen Knoten müssen die Parteien in den Sondierungen lösen, ehe es zu Koalitionsverhandlungen kommt.
Teile der Berliner Linken stehen außerdem wegen ihrer Positionen zu Israel und Palästina und zu Antisemitismus in der Kritik. Einige Vorfälle in der jüngeren Vergangenheit, darunter auch Kontakte in das sogenannte Clanmilieu, hatten nach der Wahl am 20. September nicht nur Gegenwind, sondern einen politischen Orkan zur Folge.
Vereinbarung zum Start der Sondierungen
Die drei Parteien haben dem eine Übereinkunft entgegengestellt, die bei mehreren «Vorgesprächen» ausgehandelt wurde. Sie bekennen sich zum Schutz jüdischen Lebens, zum Existenzrecht Israels und zu einer Zwei-Staaten-Lösung, die sowohl Israels Sicherheit als auch die Selbstbestimmung der Palästinenser ermöglichen soll.
Verstöße gegen auf Partei- oder Fraktionsebene beschlossene Grundsätze zum Antisemitismus sollen Konsequenzen bis hin zum Ausschluss haben. Bei Vorfällen oder Israel-kritischen Äußerungen von Abgeordneten ist ein Verfahren zur gemeinsamen Information und Bewertung geplant, bei dem gegebenenfalls externe Fachleute einbezogen werden. Über finale Konsequenzen entscheidet die betroffene Fraktion in eigener Verantwortung.
Der Beschluss treffe «auf erhebliches Misstrauen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft Berlins», sagte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Gideon Joffe. Berlins früherer Regierungschef Michael Müller (SPD) wertet die Verständigung als «absolutes Minimum als Grundlage für weitere Gespräche».