Zum Verhängnis könnten Klette auch Fotos, Skizzen und Aufzeichnungen von Routen von Geldtransportern, ausspionierten Supermärkten und Polizeiwachen in Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen werden. Die Beamten entdeckten zudem mehrere Handys, Rechner, Sturmhauben und Flecktarnhosen. Die Kleidung sei nach all den Jahren «dankenswerterweise ungewaschen», sagt die Staatsanwältin. Experten konnten so DNA-Spuren von Garweg und Klette nachweisen. Auch in Fluchtautos finden die Ermittler später DNA-Spuren, darunter sollen laut einer Expertin Mischspuren von Klette sein.
Staatsanwaltschaft: Klette hatte «federführende Rolle»
Für die Staatsanwaltschaft steht mit Blick auf die Funde fest, dass Klette bei den Überfällen «eine federführende Rolle» spielte. Bei allen Taten lasse sich eine klare Aufgabenverteilung feststellen: Klette habe Zugriff auf die Waffen gehabt und habe meistens am Steuer des Fluchtautos gesessen. Die Fahrzeuge soll Staub organisiert haben, er habe auch vorab die Tatorte ausspioniert. Bleibt noch Garweg als «der Mann fürs Grobe», der im Zweifel nicht vor Schüssen zurückschrecke.
Auch beim Ablauf der Taten stellte die Staatsanwaltschaft nach eigenen Angaben ein Muster fest: Die Täter seien mit mehreren Wagen unterwegs gewesen, um Wege zu versperren und selbst mit einem anderen Auto fliehen zu können. Sie seien vermummt und schwer bewaffnet gewesen. «Da waren Profis am Werk und keine Dilettanten», sagt Marquardt. Ihre Opfer hätten Todesangst ausgestanden.
Verfahren unter strengen Sicherheitsvorkehrungen
Während ihre Komplizen weiter auf der Flucht sind, sitzt Klette seit mehr als zwei Jahren in Untersuchungshaft. Für sie gelten besondere Sicherheitsvorkehrungen: Eine Eskorte mit mehreren Polizeiwagen, Blaulicht und Martinshorn begleitet sie zu jeder Verhandlung. Schwer bewaffnete Einsatzkräfte bewachen das Gelände mit der extra zum Hochsicherheitstrakt umgebauten Reithalle am Stadtrand von Verden.
Die Taten räumte Klette vor Gericht weder ein, noch stritt sie sie ab. Stattdessen nutzte sie die Aufmerksamkeit lieber für politische Botschaften - etwa für eine Kritik am Kapitalismus oder an Militäreinsätzen. Dafür lieferten sich ihre Anwälte und die Staatsanwaltschaft immer wieder Wortgefechte oder fielen sich gegenseitig ins Wort.
Wie es im Prozess weitergeht
Also musste das Gericht die Taten rekonstruieren. Der Vorsitzende Richter und sein Team sichteten Videos, befragten Experten und probierten sogar mal die Panzerfaust aus. Auch viele Betroffene kamen zu Wort, doch nach all den Jahren konnten sie sich an wichtige Details oft nicht mehr erinnern oder brachen gleich in Tränen aus.
Nach mehr als einem Jahr beendete das Gericht jetzt die Beweisaufnahme. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft ist Klettes Schuld klar. «Für die wirklich stichhaltigen Beweise haben allein Sie gesorgt», sagt die Staatsanwältin zur Angeklagten in ihrem Plädoyer. Damit bezieht sie sich vor allem auf die Funde in Klettes Wohnung. Vieles davon lässt sich der Staatsanwaltschaft zufolge den Taten direkt zuordnen - etwa Tatwaffen, Munition, Verkleidung und Beute. Warum die Angeklagte alles genau notiert und aufgehoben habe, sei unklar, sagt die Staatsanwältin und fragt: Habe sie ein Messi-Problem? Wollte sie ihre eigene Genialität beweisen? Wollte sie alles aufheben für weitere Taten?
Das letzte Wort wird schließlich die Angeklagte haben, bevor das Gericht frühestens Ende Mai zu einem Urteil kommt. Daniela Klette droht eine jahrelange Haftstrafe - und ein weiteres Verfahren wegen Anschlägen während ihrer Zeit bei der RAF.