Drängende Fragen nach dem Blackout in Berlin
Autor: Stefan Kruse, Marion van der Kraats, Andreas Rabenstein und Anne-Beatrice Clasmann, dpa
, Mittwoch, 07. Januar 2026
Nach dem längsten Stromausfall in der Nachkriegsgeschichte atmet Berlin erst mal auf. Alles gut? Mitnichten. Viele Fragen zum Krisenmanagement oder zur Netzsicherheit bleiben offen.
Nach dem großen Stromausfall mit Zehntausenden Betroffenen, der auf einen mutmaßlich von Linksextremisten begangenen Brandanschlag zurückgeht, herrscht in Berlin vor allem eines: Erleichterung. Doch nach einem tagelangen Ausnahmezustand im Südwesten der Hauptstadt mit 100.000 Betroffenen bleiben viele Fragen. Die ausgerufene «Großschadenslage» bleibt vorerst bestehen, es gibt noch viel zu tun und aufzuarbeiten.
Wie kann kritische Infrastruktur besser geschützt werden?
Der Brandschlag auf eine Kabelbrücke mit diversen Hochspannungs- und Mittelspannungsleitungen über den Teltow-Kanal hat gezeigt, wie verwundbar das Stromnetz ist. Laut Betreiber verläuft ein Prozent des 35.000 Kilometer umfassenden Berliner Stromnetzes überirdisch, ist also besonders angreifbar. Nach Angaben der für Energie zuständigen Senatorin Franziska Giffey (SPD) ist schon länger beabsichtigt, weitere Kabel unter die Erde zu bringen. Zudem will der Berliner Senat nun neuralgische Punkte stärker per Video und Künstlicher Intelligenz (KI) überwachen. Ob das so einfach geht, bleibt abzuwarten: Denn der Datenschutz steht Kameras im öffentlichen Raum oft entgegen. Allerdings glaubt der Senat, mit dem Polizeigesetz eine rechtliche Grundlage zu haben.
Was muss beim Stromnetz selbst passieren?
Zunächst müssen Schäden aufwendig repariert, zerstörte Kabel ersetzt werden. Das kann nach Einschätzung der Verantwortlichen Wochen oder Monate dauern, bis dahin muss die jetzt gefundene provisorische Lösung halten. An einer zweiten Lösung an einem Umspannwerk wird weiter gearbeitet, um so etwas mehr Sicherheit zu bekommen. Bis diese fertiggestellt ist, sollen alle Notstromaggregate vorerst vor Ort bleiben und Krisenstäbe weiter tagen.
Aufgabe wird auch sein, Stromnetze noch redundanter als heute zu machen - also mehr alternative Verbindungen zu schaffen, über die im Falle eines Ausfalls Strom transportiert werden kann. Der Verband für Sichere Transport- und Verteilnetze (VST-Kritis) sieht daher einen Weckruf, um solche Redundanzen bundesweit zu verbessern: «Jede Störung ist auch eine Chance, Resilienz neu zu denken und Koordination weiter zu optimieren.»
Was ist mit dem Krisenmanagement?
«Die Berliner Katastrophenschutzbehörden sind organisatorisch und personell nicht ausreichend auf Katastrophen und Großschadensereignisse vorbereitet», warnte der Landesrechnungshof im Jahresbericht 2025. Berlin sei im Ernstfall «nicht handlungsfähig». Das bewahrheitete sich zum Glück so nicht.
Am Samstag nach Beginn des Stromausfalls am frühen Morgen gegen 06.00 Uhr kamen sofort erste Krisenstäbe zusammen. Regierungschef Kai Wegner (CDU) und andere Senatsmitglieder, Polizei und Feuerwehr, Verbände sowie der betroffene Bezirk organisierten Hilfe, auch von Bundeswehr oder anderen Bundesländern. Sie schufen Notunterkünfte zum Aufwärmen und andere Anlaufpunkte zum Aufladen von Handys, Verpflegung wurde organisiert. Auch die Zivilgesellschaft zeigte viel Zusammenhalt, Privatleute oder Kirchengemeinden boten praktische Hilfe unterschiedlichster Art an.
Was lief nicht so gut?
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass nicht alles sofort und optimal funktionierte. Das Aktivieren von Helfern und Material wie Notstromaggregaten brauchte Zeit, Bürger beschwerten sich gerade anfangs über mangelnde Informationen und zu wenig praktische Hilfe, in der Zusammenarbeit Beteiligter ruckelte es mitunter. Wegner selbst wurde von anderen Politikern kritisiert, weil am ersten Tag des Blackouts nicht in den betroffenen Stadtteilen präsent war. Inzwischen wurde bekannt, dass er an dem Tag zwischenzeitlich eine Stunde Tennis spielte, Rücktrittsforderungen werden laut. Vieles in der Krisenbewältigung habe gut funktioniert, bilanziert der Regierungschef, bevor diese Meldung die Runde machte. «Wir müssen jetzt gucken, wo wir die Abläufe optimieren können. Wir sollten aus der Krise weiter lernen.»