Merz will Europa zu eigenständiger Macht machen
Autor: den dpa-Korrespondentinnen und -Korrespondenten, dpa
, Donnerstag, 29. Januar 2026
Der Grönland-Konflikt hat Spuren im Verhältnis zwischen Europa und den USA hinterlassen. Merz sagt im Bundestag, welche Konsequenzen er daraus ziehen will.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat die europäischen Bündnispartner dazu aufgerufen, mit Geschlossenheit und Selbstbewusstsein zu einer eigenständigen Macht in einer neuen Weltordnung zu werden. Europa werde seine Vorstellungen nur dann durchsetzen können, «wenn wir auch selbst die Sprache der Machtpolitik sprechen lernen, wenn wir selbst eine europäische Macht werden», sagte er in seiner Regierungserklärung im Bundestag.
Der Kanzler betonte, dass eine neue Weltordnung der Großmächte in hoher Geschwindigkeit Gestalt annehme. «In dieser Welt weht ein rauer Wind und den werden wir auf absehbare Zeit zu spüren bekommen», sagte er. Aus den Veränderungen könnten sich aber auch Chancen für ein Europa ergeben, das auf der Grundlage des Rechts agiere und sich der internationalen Zusammenarbeit verschrieben habe.
Europa als Alternative zu Imperialismus und Autokratie
«Wir sind in der Welt auch eine normative Alternative zu Imperialismus und Autokratie», sagte Merz. «Wir haben wirtschaftlich und wir haben vor allem ideell unseren Partnern auf der Welt etwas zu bieten.» Europa könne eine Macht sein, «gerade auch auf der Grundlage der Werte, die wir nicht aufgeben wollen».
Für Merz ergeben sich drei Felder, auf denen Europa sich beweisen muss.
- Europa müsse seine Sicherheit selbst in die Hand nehmen. Dazu müssten Abhängigkeiten im technologischen Bereich und bei der Verteidigungsfähigkeit abgebaut werden. Gemeint sind unter anderem die Abhängigkeiten von den USA, auf deren nuklearen Schutzschirm Europa beispielsweise auf absehbare Zeit angewiesen ist.
- Die europäische Wirtschaft müsse wettbewerbsfähig gemacht werden. Die Wachstumslücke zu China und den USA vergrößere sich. Diese Dynamik müsse jetzt umgekehrt werden.
- Europa müsse geschlossen auftreten. In den vergangenen Wochen habe Europa gezeigt, was man durch Geschlossenheit bewegen könne, sagte Merz mit Blick auf den Konflikt um die zu Dänemark gehörende Insel Grönland. US-Präsident Donald Trump hatte schließlich eingelenkt und seine Zolldrohungen gegen Deutschland und andere europäische Staaten fallen lassen. «Geschlossenheit ist ein Machtfaktor auf der Welt», sagte der Kanzler.
Aus neuem Selbstbewusstsein Europas etwas machen
«Machen wir etwas aus diesem sich nun regenden Selbstbewusstsein der Europäer», forderte Merz. Konkrete Maßnahmen schlug er in seiner Rede aber nicht vor - etwa welche Reformen der Europäischen Union nötig sind, um sie handlungsfähiger zu machen. Auch auf die Debatte über eine eigene europäische nukleare Abschreckung ging er nicht ein. Der französische Präsident Emmanuel Macron hatte sie schon vor Jahren angestoßen.
Merz hatte die europäischen Verbündeten schon in seiner Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos eindringlich aufgefordert, sich für eine neue Ära der Großmachtpolitik zu rüsten. «Ein neues Zeitalter hat bereits begonnen», sagte er vergangene Woche. Der Auftritt erinnerte an die Zeitenwende-Rede, in der der damalige Kanzler Olaf Scholz 2022 im Bundestag in Berlin den epochalen Umbruch nach dem russischen Angriff auf die Ukraine beschrieben hatte.