Merz wirbt für Koalition ohne rote Linien
Autor: Michael Fischer, Carsten Hoffmann und Jörg Blank, dpa
, Dienstag, 19. Mai 2026
Ruhe, Vertrauen, Mut: So stellt sich der Kanzler die Zusammenarbeit in der Koalition in den nächsten entscheidenden Wochen vor. Bis zum 30. Juni soll das Reformpaket stehen, sonst wird's brenzlig.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat seine schwarz-rote Regierungskoalition nach den Streitereien der vergangenen Wochen zu Mut und Kompromissbereitschaft auf dem Weg zum großen Reformpaket aufgerufen. Vor seinem ersten Besuch in der SPD-Fraktion als Bundeskanzler appellierte er an alle Koalitionäre, in der Reformdebatte darauf zu verzichten, öffentlich «rote Linien» zu ziehen. «Wir brauchen jetzt Ruhe, wir brauchen Vertrauen, wir brauchen aber auch Mut in der Regierung.»
In der Fraktionssitzung erteilte er nach Angaben von Teilnehmern allen Spekulationen über eine Minderheitsregierung erneut eine klare Absage und stellte die Koalition als alternativlos dar. «Entweder wir haben gemeinsam Erfolg oder wir scheitern zusammen», wird er zitiert. Er betonte den Angaben zufolge die Notwendigkeit von tiefgreifenden Strukturreformen, die beiden Seiten etwas abverlangen würden. «Wir steuern auf eine Phase zu, in der wir echte Kompromisse machen müssen.»
Nette Worte an Scholz und «die Bärbel»
Die Atmosphäre wurde als «offen und konstruktiv» beschrieben, es sei auch gelacht worden. Merz habe seinem anwesenden Vorgänger Olaf Scholz für eine geordnete Amtsübergabe gedankt und über ein Gespräch mit «der Bärbel» in den vergangenen Tagen berichtet. Gemeint ist die in der Unionsfraktion nicht besonders beliebte Arbeitsministerin und SPD-Chefin Bärbel Bas, die in der Fraktionssitzung neben Merz saß. Der Kanzler habe sich vor seine Ministerin gestellt und gesagt: «Ich weiß, dass das nicht einfach ist», hieß es. Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) fehlte wegen des G7-Finanzministertreffens in Paris.
Letzter Merz-Auftritt bei der SPD war vor Kanzlerwahl
Merz war zuletzt vor seiner Wahl zum Bundeskanzler vor gut einem Jahr in der SPD-Fraktion. Sein jetziger Besuch war eigentlich für die Fraktionssitzung am 5. Mai unmittelbar vor dem ersten Jahrestag der Regierung geplant. Wegen der gleichzeitigen Wiederwahl von Jens Spahn als Unions-Fraktionschef wurde der Auftritt aber um zwei Wochen verschoben.
Die Koalition hat schwere Wochen hinter sich. Nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz im März, die für die SPD desaströs verliefen und für die CDU durchwachsen, hat sie sich immer weiter in Streitigkeiten verstrickt. In den Umfragen ist die Zufriedenheit mit der Regierung auf einen Tiefststand abgerutscht. Die AfD hat die Union als stärkste Partei inzwischen abgehängt.
Zuletzt wurden Zweifel daran laut, ob die Achse zwischen Merz und Vizekanzler Klingbeil noch funktioniert. Der Kanzler sah sich um den Jahrestag der Regierung herum genötigt, Spekulationen über ein vorzeitiges Ende der Koalition zurückzuweisen. Auf dem Katholikentag in der vergangenen Woche räumte er die Defizite des ersten Jahres offen ein. «Zur Demokratie gehört Streit. Aber der Streit muss zu Ergebnissen führen. Und vielleicht streiten wir im Augenblick zu viel und bringen zu wenig Ergebnisse.»
Am 30. Juni will Koalition über Reformpaket entscheiden
Nun will Merz das Ruder herumreißen. Die nächsten sechs Wochen werden entscheidend. Der Fahrplan für das große Reformpaket, das sich die Koalition vorgenommen hat, steht. Unions-Fraktionsgeschäftsführer Steffen Bilger nannte den 30. Juni als Datum für die entscheidende Sitzung des Koalitionsausschusses. Dann soll ein Reformpaket beschlossen werden, das die Einkommensteuer, Rente, Pflege, die Arbeitskosten und den Bürokratieabbau betreffen soll.