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Merkel-Mania? Warum die Kanzlerin a. D. so viele Fans bewegt


Autor: Verena Schmitt-Roschmann und Jörg Blank, dpa

, Sonntag, 04. Oktober 2026

Schlicht, sachlich, stabil: So erinnern sich viele an Angela Merkels 16 Jahre im Kanzleramt. In instabilen Zeiten mit viel Streit wächst Nostalgie. Für Nachfolger Friedrich Merz ein harter Brocken.
Altkanzlerin Merkel zeigt sich fünf Jahre nach ihrem Abschied aus dem Amt wieder häufig in der Öffentlichkeit. (Archivbild)


Der Blazer in leuchtendem Blau, die schwarze Hose, die bekannte Frisur. «Tatsache, da ist sie», sagt eine Frau in Jeansjacke, als sie den ersten Blick auf Angela Merkels Kanzlerinnenporträt im Berliner Bode-Museum wirft. Das Gemälde des Künstlers Jérémie Queyras zieht gerade so überraschend viele Menschen ins Museum, dass es dort drei Monate länger gezeigt wird als ursprünglich geplant, bis zum 3. Januar. Heute Nachmittag will Merkel dort Postkarten mit ihrem Porträtmotiv signieren.

Rund fünf Jahre nach ihrem Abschied aus dem Amt scheint die Kanzlerin a. D. plötzlich wieder überall zu hören und zu sehen zu sein. Im Februar kam sie erstmals wieder zum CDU-Parteitag und wurde gefeiert. Dann das (rasch dementierte) Gerücht, sie könnte Bundespräsidentin werden. Oder Ukraine-Vermittlerin. Merkel auf der Digitalmesse, Merkel mit Jugendlichen, Merkel auf TikTok. Und natürlich: Merkel auf Lesetour. Ihre 736-seitige Autobiografie «Freiheit» hat sich nach Angaben ihres Verlags weltweit mehr als eine Million Mal verkauft. Immer noch strömen Hunderte zu ihren Lesungen und Signierstunden. Warum? 

Ruhe und Sicherheit

«Angela Merkel hat mich sehr beeindruckt immer mit ihrer Ruhe, wie sie diese Männer, Putin und so, völlig unaufgeregt im Griff hatte», sagt Marlen Hannemann, die an einem Septemberabend bei Merkels Lesung im Historisch-Technischen Museum Peenemünde im Publikum sitzt. «Und wie sie unser Land ganz entspannt geführt hat - also von außen gesehen -, das hat mir als Mensch dieses Landes ganz viel Sicherheit gegeben.» Bei Merkel habe sie immer gedacht: «Sie wird schon wissen, wie sie entscheidet.» 

Ein paar Reihen weiter vorn sitzt Annett Lührmann neben ihrem Mann, und bei ihr hört sich das ganz ähnlich an. «Ich bin beeindruckt von Frau Merkel, nach wie vor, was sie geleistet hat, wie ihr Leben so verlaufen ist», sagt sie. Fehler mache jeder im Amt, das schon. Aber «sie hat Sachen gemeistert, Corona und die Flüchtlingswelle, das muss erstmal einer anders und besser machen.» Sie freue sich darauf, die Altkanzlerin zum ersten Mal live zu sehen.

«Maß und Mitte»

Und dann ist Merkel tatsächlich auf der Bühne, der Blazer ist diesmal rot. Die 72-Jährige winkt kurz ins Publikum, schon sitzt sie an ihrem Lesetisch. 90 Minuten in diesem typischen, 16 Jahre lang vertrauten Merkel-Sound. Von der Kindheit in Templin bis ins Kanzleramt, von «Wir schaffen das» bis zur AfD, von der russischen Annexion der Krim bis Corona. Den vielleicht lautesten Applaus gibt es, als Merkel Einsatz für die Demokratie einfordert. Und als sie ihre Nachfolger einschwört: «Maß und Mitte, das ist Basis und Voraussetzung für den Erfolg demokratischer Parteien.»

Für ihren Nachnachfolger Friedrich Merz sind solche Ratschläge harte Brocken. Der CDU-Chef wollte bewusst einen anderen Kurs, er hat viel Aufbruch und Wende versprochen. Doch nach nur gut einem Jahr im Amt sind seine Zustimmungswerte historisch schlecht. Laut ARD-«Deutschlandtrend» sind 9 von 10 Befragten eher oder sehr unzufrieden mit Merz. Die AfD hat die CDU in den bundesweiten Umfragen längst überholt. Der CDU-Chef kämpft um seine Autorität, er hadert und rangelt mit seinem Koalitionspartner SPD. 

Der Grundirrtum des Friedrich Merz

«Wenn man jetzt fragt nach dem Vergleich, dann sagt eine Mehrheit, dass Merz nicht besser regiert als sein Vorgänger Olaf Scholz, den er immer kritisiert hat», sagt Peter Matuschek, Geschäftsführer des Umfrageinstituts Forsa. «Bei Merkel fällt das Urteil noch eindeutiger aus. Da mag natürlich auch ein bisschen Nostalgie im Spiel sein. Aber Merkel hatte eben auch in ihrer aktiven Zeit sehr, sehr hohe Zustimmungswerte.»

Merz' Anspruch von «CDU pur», von einer Rückkehr zu einer profilierteren, konservativeren Linie, sei ein Grundirrtum gewesen, meint Matuschek. «Auf der Wählerebene ist das komplett nach hinten losgegangen. Denn selbst bei ihrer letzten Wahl hatte Merkel immerhin noch ein Ergebnis von knapp 33 Prozent.» Mit Merz erreichten CDU/CSU im Februar 2025 noch 28,6 Prozent. In Umfragen liegt die Union aktuell bei 18 bis 20 Prozent.

Eine Frage des Stils

Die Zeiten sind andere, in der Ukraine und im Nahen Osten wüten Kriege, die Mehrheiten in Berlin sind viel knapper als zu Merkels Zeiten, die Stimmung hitziger. Doch beobachten auch einige in der Union die Merkel-Nostalgie mit Interesse. Wenn man sich in der CDU umhört, heißt es, das hänge wohl auch mit dem Stil der Altkanzlerin zusammen. Anders als bei Scholz oder Merz wirke ihr Auftreten offenbar für viele nach wie vor glaubwürdig bescheiden, bodenständig und unprätentiös. 

Die Welt habe in ihrer Regierungszeit klarer und übersichtlicher gewirkt, heißt es in der Union. Merkel habe als Kanzlerin den Eindruck vermittelt, die damaligen Krisen seien beherrschbar - was, wenn überhaupt, nur teilweise stimmte. Viele Jüngere, die mit Merkel als Kanzlerin groß geworden seien, sehnten sich offenbar nach dieser Sicherheit zurück. Und nach ihrem verbindenden, unpolemischen Politikstil.

«Empörungsverweigerung»

So blickt auch der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte auf Merkel. «In Zeiten unserer Aufregungsdemokratie tut es gut, diese Merkel'sche Empörungsverweigerung mitzuerleben», sagt der emeritierte Professor der Universität Duisburg-Essen. «Präsidiale Leutseligkeit - überparteilich, provozierend unpathetisch - ist ungewöhnlich für die Berliner Republik der Wichtigtuer.» Merkel spreche, zumal nach ihrem Abschied aus dem Amt, keine technokratische Sprache. «Jeder versteht sie», meint Korte. 

Aber würde man sich wirklich Merkel statt Merz als Kanzlerin zurückwünschen? Zumindest trauen ihr auch unter heutigen Bedingungen viele Menschen viel zu. In einer YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur sagen 48 Prozent der gut 2000 Befragten, Merkel wäre besser als Merz geeignet, die heutigen Probleme und Herausforderungen in Deutschland zu lösen. 29 Prozent finden, Merkel wäre genauso gut oder schlecht geeignet wie Merz. Nur acht Prozent sahen Merkel für schlechter geeignet als Merz.