Mammutprozess gegen "Reichsbürger"-Gruppe um Prinz Reuß gestartet
Autor: Agentur dpa
Stuttgart, Montag, 29. April 2024
Am Montag (29. April 2024) hat der Prozess historischer Dimension gegen die mutmaßliche "Reichsbürger"-Gruppe um Heinrich XIII. Prinz Reuß begonnen. Sie soll einen gewaltsamen Umsturz der Bundesregierung geplant haben.
Es ist ein besonderer Tag für das Oberlandesgericht Stuttgart. Am Montag (29. April 2024) hat hier einer der größten Terrorprozesse in der Geschichte der Bundesrepublik begonnen. Im Zentrum steht die Verschwörergruppe um Heinrich XIII. Prinz Reuß. Die Verdächtigen sollen einen gewaltsamen Umsturz der Bundesregierung geplant haben, einen Anschlag auf die Herzkammer der Demokratie. Auch Verfahren in Frankfurt und München stehen bald an.
Sind es irre Verschwörungstheoretiker? Harmlose Staatskritiker? Gefährliche Putschisten? Es ist unmöglich, in den Kopf der Männer zu blicken, die da an diesem Montag im streng gesicherten Saal des Oberlandesgerichts Stuttgart hinter dickem Panzerglas sitzen. Klar ist: Sie wirken alles andere als eingeschüchtert.
Putschpläne und Terrorismus: Neun Angeklagte um Prinz Reuß im Prozess
Mit breiter Brust lassen sie sich in Handschellen in den Saal führen. Sie tuscheln miteinander auf der Anklagebank, schmunzeln, winken ins Publikum, nur wenige von ihnen verstecken ihr Gesicht vor den Fotografen. Bei der Verlesung der Anklage schütteln sie immer wieder den Kopf - als ob sie die Vorwürfe nicht ernst nehmen könnten. Es geht um Terrorismus und Hochverrat, um "Reichsbürger", Putschpläne und Verschwörungsmythen.
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Die Männer auf der Anklagebank, sie wirken nicht wie Terroristen, so mancher eher wie ein Versicherungsvertreter. Doch das Bild, das die Generalbundesanwaltschaft von der Gruppe zeichnet, ist düster: Da ist von einer tiefen Ablehnung der freiheitlichen Grundordnung die Rede, davon, dass man die Ordnung der Bundesrepublik Deutschland gewaltsam beseitigen wollte.
Die Angeklagten sollen sich verpflichtet haben zur "Reaktivierung Deutschlands", eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnet haben - unter Androhung der Todesstrafe. Eine bewaffnete Gruppe sollte in den Reichstag eindringen. "Säuberungen" und "Aufräumarbeiten" sollen geplant gewesen sein. Von Feindeslisten ist die Rede, mit den Namen von Landräten, Amtsärzten, Gerichtsvollziehern.
Missbrauch von Kindern in Tunneln: QAnon-Kult ebenfalls Thema
Aber auch die Narrative des QAnon-Kults spielen in der Anklage eine bedeutende Rolle, die feste Überzeugung, dass verschwörerische Eliten die Geschicke der Welt lenken, diese den rituellen Missbrauch von Kindern in unterirdischen Tunneln praktizieren und aus den Kinderkörpern "Verjüngungskuren" gewinnen. Die Angeklagten hätten diese Verbrechen aufdecken wollen, sie hätten darauf vertraut, dass die Bevölkerung dann aufwachen und ihre Machtübernahme unterstützen werde, so trägt es die Anklagebehörde vor.
Wie gefährlich sind diese Männer wirklich? Diese Frage schwebt über den Verfahren, die sehr lange gehen dürften. In Stuttgart geht es vor allem um den militärischen Arm der Gruppe, der die Machtübernahme mit Waffengewalt hätte durchsetzen sollen. Insgesamt neun Männer, allerdings nicht Reuß selbst, müssen sich in Stammheim verantworten - dort, wo einst bereits die RAF-Spitze vor Gericht stand.