Kanzler-Krise: Kriegt Merz noch die Kurve?
Autor: Michael Fischer, dpa
, Montag, 14. Sept. 2026
Zu Hause brennt die Hütte, aber die Welt dreht sich weiter: Merz versucht auf seiner Reise an den Polarkreis, die Kanzler-Krise wegzudrücken. Am nächsten Sonntag geht es für ihn aber um alles.
Es ist eine skurrile Situation an diesem Morgen im Arktikum der nordfinnischen Stadt Rovaniemi, die nur wenige Kilometer vom Polarkreis entfernt liegt. Der finnische Ministerpräsident, der litauische Präsident, der lettische Regierungschef – sie alle äußern sich zum Auftakt des Arktis-Gipfels auf Nachfrage von Journalisten zur Kanzler-Krise in Deutschland. Nur der Kanzler selbst schweigt. Eine Minute und 29 Sekunden redet Merz vor den Kameras darüber, dass auch Deutschland zum Norden Europas gehöre und die Nato-Partner gegen die Bedrohung aus dem Osten zusammenstehen müssten.
Mehrere Journalisten setzen zu Fragen an. «Herr Bundeskanzler... .» Aber da hat er sich schon wieder abgewendet. Keine Chance. Andere sind gesprächiger. Finnlands Ministerpräsident Petteri Orpo wird gefragt, ob Merz trotz der innenpolitischen Krise zu Hause noch ein verlässlicher Partner sei: «Absolut», sagt er. «Er ist der gleiche Kanzler wie zuvor. Wir haben eine sehr gute Zusammenarbeit und er spielt eine sehr große und sehr wichtige Rolle in der Europäischen Union.»
«Wir müssen liefern. Sonst werden wir bestraft.»
Auch der litauische Präsident Gitanas Nauseda unterstützt ihn. Er sagt aber auch, dass mehr getan werden müsse, um gegen die Populisten in Europa anzukommen. «Die Leute wollen mehr.» Man müsse auch mit Blick auf Wirtschaft, Beschäftigung und Wachstum Lösungen anbieten. «Wir müssen liefern. Sonst werden wir bestraft. Das ist Demokratie.»
Merz hat das vor einer Woche in Sachsen-Anhalt bitter zu spüren bekommen. Das AfD-Beben dort hat ihn ins Wanken gebracht. Seitdem wird heftig darüber spekuliert, ob ihn der nächste Wahltag zu Fall bringen kann. Am nächsten Sonntag wird in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin gewählt.
Bei seinem Besuch am Polarkreis will Merz davon aber zumindest für 28 Stunden mal nichts wissen. Er ist der Bundeskanzler, der deutsche Interessen auf solchen Gipfeln zu vertreten hat, und das sollte durch innenpolitische Debatten nicht beeinträchtigt werden, so seine Haltung.
Das sagt er ganz am Ende des Gipfels dann doch noch öffentlich – auf einer gemeinsamen Pressekonferenz der Teilnehmer, bei der Fragen erlaubt sind. «Deshalb versuche ich meine Freunde, meine politische Partei, die Fraktion davon zu überzeugen, dass das wichtig ist, viel wichtiger ist als einige der innenpolitischen Debatten, die wir haben», betont er mit Blick auf europäische Sicherheitsinteressen und die Bedrohung durch Russland.
Keine weitere Verschärfung durch Niedersachsen-Wahl
In Deutschland ging die Debatte über die Konsequenzen aus dem Wahldebakel der CDU vor einer Woche weiter. Eine weitere Verschärfung der Krise durch die Kommunalwahl in Niedersachsen blieb Merz aber zunächst einmal erspart. Zwar verliert die CDU dort 4,5 Prozentpunkte, bleibt aber stärkste Partei – vor der im Land regierenden SPD und vor allem vor der AfD, die nur auf Platz 3 landet.