Jobs in der Autoindustrie verschwinden rasend schnell
Autor: Christian Ebner, dpa
, Freitag, 14. August 2026
Die deutsche Autoindustrie verliert Arbeitsplätze wie nie zuvor: 42.300 weniger binnen eines Jahres. Seit 2019 ist jeder sechste Job verschwunden. Das hat auch Auswirkungen auf andere Industriezweige.
In der deutschen Autoindustrie schwinden die Arbeitsplätze derzeit schneller als in jeder anderen Industriebranche. Zum Ende des ersten Halbjahres 2026 waren in der deutschen Leitbranche noch 691.500 Menschen beschäftigt und damit so wenig wie noch nie seit Beginn der vergleichbaren Statistikreihe im Jahr 2005, wie das Statistische Bundesamt berichtet. Weiterer Stellenabbau steht bevor.
Die aktuelle Zahl entspricht einem Rückgang um 42.300 Beschäftigte oder 5,8 Prozent innerhalb eines Jahres. Auch in anderen Industriezweigen gingen Arbeitsplätze verloren, wenn auch im geringeren Tempo. Im gesamten verarbeitenden Gewerbe sind in der Jahresfrist 144.000 Jobs verschwunden. Die Zahl der Beschäftigten ging damit um 2,7 Prozent auf 5,29 Millionen zurück.
Stellenabbau verschärft sich
Seit dem Vor-Corona-Jahr 2019 sind in der Autoindustrie 16 Prozent der Arbeitsplätze (142.400 Jobs) weggefallen, stellt die Beratungsgesellschaft EY in ihrem aktuellen Industriebarometer fest. Experte Jan Brorhilker erwartet weitere Stellenverluste: «Viele Unternehmen haben ihren Restrukturierungskurs noch lange nicht abgeschlossen. Angesichts hoher Arbeitskosten, einer schwachen Produktivitätsentwicklung und zunehmenden internationalen Wettbewerbs planen viele Unternehmen, den Stellenabbau in Deutschland sogar weiter zu verschärfen.»
Die Automobilbranche bleibt hinter dem Maschinenbau (905.900 Beschäftigte) der zweitgrößte Industriezweig Deutschlands. Besonders stark fiel der Stellenabbau mit 7,6 Prozent bei den Zulieferern von Teilen und Zubehör für Kraftwagen aus. Bei den Herstellern selbst gingen 6,1 Prozent der Jobs verloren.
Ringen im VW-Konzern
In den Destatis-Zahlen noch gar nicht enthalten sind die neuesten Streichpläne der großen deutschen Autohersteller. Erst vor kurzem hat BMW den Abbau von rund 8.000 Jobs weltweit angekündigt. Doch im Vergleich zu anderen Konzernen ist das gar nicht so viel: Im VW-Konzern, zu dem auch Porsche und Audi gehören, wird – grob gerechnet – um eine Verdoppelung der bereits laufenden Kürzung um 50.000 Jobs gerungen. Bosch will weltweit bis zu 22.000 Stellen im Zuliefererbereich streichen, bei ZF sind es 14.000 in Deutschland. Auch Mercedes-Benz hat bereits tausende Jobs abgebaut.
«2030 wird die deutsche Automobilindustrie auf 500.000 Arbeitsplätze oder weniger geschrumpft sein», sagt Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer. Er sieht mächtige Kostennachteile am heimischen Standort. Hierzulande investiere zu den bestehenden Kostenstrukturen niemand mehr, neue Produktionskapazitäten entstünden beispielsweise in Ungarn, Rumänien oder Spanien. Dort seien neben den Arbeitskosten auch die steuerlichen Belastungen geringer und Energie billiger. Auch die Türkei steht bei Herstellern als Produktionsstandort hoch im Kurs. Zuletzt hat der koreanische Konzern Hyundai 250 Millionen Euro investiert, um im Werk Izmit das neue Elektroauto «Ioniq 3» zu bauen.
VDA: Unternehmen verabschieden sich
Die Unternehmen müssten sich aus wirtschaftlichen Gründen zunehmend gegen den Standort Deutschland entscheiden, sagt die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie, Hildegard Müller. Investitionen und Arbeitsplätze wanderten ab. Die VDA-Chefin nennt hohe Kosten für Arbeit und Energie, langwierige Verfahren, Bürokratie und marode Infrastruktur als Investitionshemmnisse. Es müssten die richtigen politischen Schlüsse gezogen werden: «Alles, was den Standort stärkt, Wachstum schafft und hilft, Beschäftigung zu erhalten, muss in Berlin und auch in Brüssel ganz oben auf der Agenda stehen.»