Immer mehr Anfragen nach Hilfe bei Suizid – neue Leitlinien
Autor: Agentur dpa
Deutschland, Donnerstag, 22. Oktober 2026
Eine neue Leitlinie gibt vor, wie Ärzte oder Pflegekräfte reagieren sollen, wenn Menschen in existenzieller Not sagen, dass sie sterben wollen.
Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte sollen durch neue Handlungsempfehlungen besser mit den Wünschen der Patienten nach einem assistierten Suizid umgehen können. Fachleute aus den Bereichen Medizin, Psychotherapie und Ethik präsentierten die neue Leitlinie "Umgang mit Anfragen nach Assistenz bei der Selbsttötung" nach etwa zweijährigen Beratungen in Halle (Saale).
Im Gesundheitswesen wurden aufgrund der zunehmenden Anfragen nach Unterstützung beim Suizid, insbesondere von älteren Menschen, wiederholt klare und sichere Regelungen gefordert. Seit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts 2020 ist die Zahl assistierter Suizide in Deutschland gestiegen.
"Vertieftes Gespräch" als erster Schritt bei Sterbewunsch
2025 gab es mehr als 1200 von Suizidhilfe-Organisationen gemeldete Fälle und mutmaßlich eine hohe Dunkelziffer. Das Gericht hatte ein Verbot geschäftsmäßiger, also auf Wiederholung angelegter Sterbehilfe gekippt: Sofern eine Suizidentscheidung "freiverantwortlich" erfolgt, ist es rechtlich möglich, Hilfe bei der Selbsttötung in Anspruch zu nehmen - etwa durch die Aushändigung eines Medikaments. Vorstöße für ein Gesetz zur Sterbehilfe waren 2023 im Bundestag gescheitert.
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Die neue Leitlinie sieht ein "vertieftes Gespräch" mit erfahrenen Fachleuten als einen ersten zentralen Schritt nach dem Vorbringen eines Sterbewunschs vor. Wie der Geschäftsführer der Akademie für Ethik in der Medizin, Alfred Simon, weiter erläuterte, sollen in wertschätzender Atmosphäre Hintergründe und Motive ohne Druck besprochen werden - um die Frage zu klären: Liegen Voraussetzungen für eine selbstbestimmte Entscheidung für oder gegen einen Suizid vor?
Erkannt werden soll etwa, ob eine psychische Erkrankung die Selbstbestimmungsfähigkeit beeinträchtigt. Psychische Erkrankungen schließen demnach zwar nicht aus, dass eine solche Entscheidung freiverantwortlich ist - aber umgekehrt könne die Freiverantwortlichkeit aber auch ohne psychische Erkrankung eingeschränkt sein. Auch eine akute Lebenskrise oder äußerer Druck könnten dabei infrage kommen - und sollten erkannt werden.
Weitere Schritte der Leitlinie - Aufklärung über Risiken
Wenn nötig, sollen Wege zu einer Behandlung oder einem Klinikaufenthalt eröffnet werden. Eine Suizidassistenz solle nicht aktiv als Handlungsoption vorgeschlagen werden. Im nächsten Schritt sollen Betroffene demnach gezielt informiert und beraten werden - auch über Handlungsalternativen, mögliche Auswirkungen auf Dritte und Risiken einer fehlerhaften Durchführung. Mit vier Wochen Abstand soll es mindestens zwei Beratungsgespräche geben, möglichst mit zwei Fachärzten, darunter einer für psychische Krankheiten. Durch "kritisches Hinterfragen" solle die Motivlage der Betroffenen überprüft werden, so Simon. Die Ergebnisse sollen schriftlich dokumentiert werden.
Laut dem Medizinethiker kann es "unendlich viele Situationen" geben, in denen ein Sterbewunsch geäußert wird. Oft sind Angehörige der Generation 70plus betroffen, wie die Psychologin Birgit Wagner sagte. Die Leitlinie befasst sich auch mit den Belastungen der Angehörigen und dem Umgang mit ihnen - auch gegebenenfalls mit Enkeln, die einfühlsam und altersgerecht informiert werden sollten. Insgesamt umfasst die Leitlinie 45 Empfehlungen.