Hitler-Käfer und Mussolini-Falter: Warum dürfen Tiere weiterhin so heißen?
Autor: Agentur dpa
Deutschland, Mittwoch, 22. Mai 2024
Sie wurden nach Personen benannt, um diese zu schmeicheln oder Aufmerksamkeit zu bekommen: Die Namen mancher Tierart sind jetzt allerdings in ethische Diskussionen geraten. Warum die zuständige Kommission trotzdem an Namen wie "Hitler-Käfer" festhält, erfährst du hier.
Gerade mal fünf Millimeter ist er klein und lebt eher verborgen in Höhlen. Obwohl selbst viele Fachleute den Käfer noch nie zu Gesicht bekommen haben, erregt er die Gemüter. Der Grund ist sein wissenschaftlicher Name: Anophthalmus hitleri. Der braune, augenlose Käfer wurde nach Adolf Hitler benannt – und steht wegen seines Namens bei bestimmten Sammlern hoch im Kurs. Ein anderer Stein des Anstoßes ist im Naturkundemuseum in Berlin ausgestellt: der Dinosaurier Dysalotosaurus lettowvorbecki, benannt nach Paul von Lettow-Vorbeck, der als Kommandeur der deutschen Kolonialarmee an Gräueltaten in Afrika beteiligt war.
Beispiele wie diese gibt es einige. Meist sind es Tiere, die vor langer Zeit wissenschaftlich beschrieben wurden. Doch darf man das in Zeiten hinnehmen, in denen Straßen umbenannt, Denkmäler abgerissen und generell kritisch über Sprache nachgedacht wird? Auch in der Wissenschaftsgemeinde wird durchaus über umstrittene Tiernamen diskutiert. Doch so schnell wird sich wohl nichts ändern. Was man dazu wissen muss:
Wie werden Tiere wissenschaftlich benannt?
Jedes Jahr werden weltweit tausende neue Tierarten beschrieben. Wie die Taxonominnen und Taxonomen dabei vorzugehen haben, ist in den internationalen Regeln für die zoologische Nomenklatur festgelegt. Inhaltliche Vorgaben mache die Nomenklatur dabei nicht, sagt der Zoologie-Professor Michael Ohl vom Museum für Naturkunde in Berlin. Die Forschenden können die Namen frei wählen, sofern diese technisch korrekt gebildet werden. "Diese gelten, sobald sie publiziert sind und können dann auch nicht mehr gestrichen werden."
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Eine lange Tradition habe dabei, neu entdeckte Tierarten nach Personen zu benennen – um einem großzügigen Geldgeber zu schmeicheln, Familie oder Freunde zu ehren oder mithilfe prominenter Namensgeber Aufmerksamkeit zu erregen, wie Ohl in seinem Buch "Die Kunst der Benennung" schreibt. So trägt eine Tausendfüßler-Art den Namen von Popstar Taylor Swift, Käfer sind nach dem Schauspieler Leonardo DiCaprio und der Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg benannt, eine Mottenart erinnert an den früheren US-Präsidenten Donald Trump.
Am Beispiel des Hitler-Käfers und eines nach dem italienischen Diktator Benito Mussolini benannten Falters zeigt sich besonders deutlich, dass die Benennung nach Personen zum Problem werden kann. Was ist, wenn eine Politikerin in extremistische Kreise abdriftet oder ein Filmstar wegen sexueller Übergriffe vor Gericht steht? Artnamen können nach Ansicht von manchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auch diskriminierend oder rassistisch sein.
Wie groß ist das Problem?
Die Paläobiologin Emma Dunne von der Universität Erlangen-Nürnberg hat zusammen mit anderen Fachleuten die Namen aller bekannten – etwa 1500 - Dinosaurier untersucht. Vor der Publikation möchte die Wissenschaftlerin nicht über die Ergebnisse der Studie sprechen. Laut einem Bericht der Fachzeitschrift "Nature" fand das Team unter anderem heraus, dass viele zwischen 1908 und 1920 in Tansania entdeckte Fossilien nach deutschen Forschern statt nach einheimischen Expeditionsteilnehmern benannt wurden oder die Namen leiteten sich von kolonialen Ortsbezeichnungen ab. Die Mehrheit der Namen mit einer geschlechtsspezifischen Endung war demnach außerdem männlich.
Michael Ohl: Die Kunst der BenennungEtwa 20 Prozent der Tiernamen sind nach einer Schätzung der internationalen Kommission für zoologische Nomenklatur – dem Gremium, das die Regeln zur Benennung herausgibt – sogenannte Eponyme. Das sind Namen, die Personen ehren sollen. Diese seien damit die größte Gruppe von Namen, die Anstoß erregen könnten, schreibt die Kommission in einer Stellungnahme. Toponyme, also Ortsnamen, könnten ebenfalls als beleidigend empfunden werden. Sie machten etwa 10 Prozent der Namen aus. "Somit könnten mehrere Hunderttausend akzeptierte wissenschaftliche Namen infrage gestellt werden", heißt es.