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Gibt es in Deutschland bald das Recht auf Siesta? Gesundheitsminister Lauterbach dafür - Wirtschaft dagegen


Autor: Agentur dpa

Deutschland, Mittwoch, 19. Juli 2023

Aufgrund der hohen Temperaturen fällt es vielen aktuell schwer zu arbeiten. Amtsärzte fordern nun, dass in Deutschland eine Siesta-Arbeitskultur eingeführt wird. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach gefällt der Vorschlag, die Wirtschaft zeigt sich hingegen reserviert.
In südlichen Ländern - hier auf dem Bild ist ein Arbeiter in Marokko - ist die Siesta fester Teil des Tagesablaufs. Wäre das auch ein Modell für Deutschland?


Die Amtsärzte regen angesichts hoher Temperaturen die Einführung einer Siesta-Arbeitsweise im Sommer in Deutschland an.

"Wir sollten uns bei Hitze an den Arbeitsweisen südlicher Länder orientieren: Früh aufstehen, morgens produktiv arbeiten und mittags Siesta machen, ist ein Konzept, das wir in den Sommermonaten übernehmen sollten", sagte der Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD), Johannes Nießen, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Ärzte für Einführung der Siesta-Arbeitsweise

"Bei starker Hitze sind Menschen nicht so leistungsfähig wie sonst. Schlechter Schlaf bei fehlender Abkühlung in der Nacht führt zusätzlich zu Konzentrationsproblemen." Komplexe Arbeitsanforderungen sollte man daher lieber in die frühen Morgenstunden verschieben, ergänzte der Mediziner. "Zudem braucht es ausreichend Ventilatoren und leichtere Kleidung, auch wenn die Kleiderordnung im Büro das nicht erlaubt." Wichtig sei auch, grundsätzlich viel mehr zu trinken und leichtes Essen in mehreren kleineren Portionen zu sich zu nehmen. "Ein kaltes Fußbad unter dem Schreibtisch wäre eine weitere Möglichkeit, um im Homeoffice für Abkühlung zu sorgen", sagte Nießen.

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Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hält bei großer Hitze eine Arbeitsweise mit Siesta aus gesundheitlichen Gründen für sinnvoll. "Siesta in der Hitze ist sicherlich kein schlechter Vorschlag", schrieb Lauterbach am Dienstag auf Twitter. Der SPD-Minister sieht in der Frage allerdings nicht die Politik gefordert. "Das sollten aber Arbeitgeber und Arbeitnehmer selbst aushandeln», so der Gesundheitsminister. «Medizinisch sicher für viele Berufe sinnvoll."

FDP-Gesundheitspolitiker Lars Lindemann sagte der dpa: "Wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Arbeit in vollem Umfang - trotz Siesta - erledigen, kann der Vorschlag von Johannes Nießen das Arbeiten an sehr heißen Tagen erleichtern, die Arbeitsleistung verbessern und obendrein den Gesundheitsschutz erhöhen." Die Politik solle sich aber nicht einmischen. "Über den Vorschlag kann man sicherlich diskutieren, jedoch sollte die Entscheidung bei den Unternehmen, Firmen oder auch Behörden am Ende selbst liegen - in Absprache mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern."

Zustimmung aus Politik und Gewerkschaften - Wirtschaft jedoch dagegen

Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) unterstützt ebenfalls die Forderung nach einer Arbeitsweise mit Siesta bei großer Hitze. "Natürlich müssen wir vor allem die Beschäftigten schützen, die bei dieser Gluthitze draußen unter freiem Himmel arbeiten müssen", sagte der Bundesvorsitzende der IG BAU, Robert Feiger, am Dienstag laut einer Mitteilung.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht die Arbeitgeber beim Hitzeschutz in der Verantwortung. "Bei Hitze kann man viel tun. Die Arbeitszeit in den kühleren Stunden des Tages stattfinden zu lassen, ist ein denkbares Instrument – aber eben eines von vielen", sagte DGB- Vorstandsmitglied Anja Piel der Deutschen Presse-Agentur. Grundsätzlich müsse der Schutz genau zum jeweiligen Arbeitsplatz passen und individuelle Lösungen in den Betrieben umgesetzt werden. Dafür brauche es auch mehr Kontrollen beim Arbeitsschutz, der Gefährdungsbeurteilungen vorschreibt, um daraus Instrumente zum Schutz der Beschäftigten abzuleiten, erklärte Piel.

Die Präsidentin des Verbandes der Familienunternehmer, Marie-Christine Ostermann, hat eine Hitze-Siesta für Beschäftigte in Deutschland hingegen abgelehnt. "Bei hohen Temperaturen sind Arbeitgeber durch Vorgaben zum Arbeitsschutz bereits jetzt dazu aufgerufen, Maßnahmen für ein erträgliches Arbeiten zu ergreifen. Die Notwendigkeit einer flächendeckenden, womöglich gesetzlich festgelegten Siesta im Sommer sehe ich nicht", sagte Ostermann der Düsseldorfer Rheinischen Post  am Mittwoch. "Modelle wie Vertrauensarbeits- und Gleitzeit bieten in vielen Jobs, wo dies vom Arbeitsablauf her möglich ist, ohnehin die Möglichkeit, an heißen Tagen bereits früh mit der Arbeit zu beginnen, um die kühleren Stunden am Morgen optimal dafür zu nutzen. Frei nach dem Motto: Früher Vogel fängt den kühlsten Wurm", sagte Ostermann.