Geteilte Geschichte: Wie der Mauerbau bis heute nachwirkt
Autor: Verena Schmitt-Roschmann, dpa
, Mittwoch, 12. August 2026
Am 13. August 1961 begann die DDR, die Ost-West-Grenze in Berlin mit einer Mauer abzuriegeln. Das Monstrum ist heute nahezu verschwunden. Aber das stimmt wohl nur äußerlich.
Als sich Mario Röllig mit 17 Jahren in einen Mann aus Westberlin verliebte, stand zwischen ihnen die Berliner Mauer. Sein Freund konnte ihn zwar in der DDR besuchen. Aber das Ministerium für Staatssicherheit hatte ein Auge auf die beiden. Röllig sollte den Mann bespitzeln, um ihn erpressbar zu machen. Als der Druck zu groß wurde, wagte der junge Ostberliner einen Fluchtversuch über Bulgarien. Er wurde gefasst und kam in Stasi-Haft. Es war das Jahr 1987.
Röllig erzählt seine Geschichte bei einem Besuch von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) in der Gedenkstätte Hohenschönhausen kurz vor dem 65. Jahrestag des Mauerbaus vom 13. August 1961. Die Berliner Mauer selbst ist ja fast spurlos verschwunden, seit die friedliche Revolution in der DDR sie 1989 zu Fall brachte. Nur noch Bruchstücke sind in der Stadtmitte zu finden, dazu die bunt bemalte East Side Gallery in Friedrichshain.
Hier aber, im Schatten der Wachtürme dieses graubraunen Gefängniskastens, wirkt der untergegangene SED-Staat noch sehr greifbar. «Die Mauer war für die Bürgerinnen und Bürger der DDR ein Gefängnis aus Beton», sagt Klöckner.
«Niemand hat die Absicht ...»
Tatsächlich begann die DDR-Führung unter Walter Ulbricht den Bau der Mauer, um einen Exodus zu stoppen. Zwischen der Staatsgründung 1949 und August 1961 hatten nach Angaben der Stiftung Berliner Mauer bis zu vier Millionen Menschen die DDR verlassen. Die Grenze zur Bundesrepublik wurde schon 1952 abgeriegelt. Doch die Übergänge zwischen den vier Sektoren im geteilten Berlin blieben als Schlupfloch. Allein vom 1. bis 13. August 1961 verließen 47.000 Ostdeutsche auf diese Weise ihr Land, um im Westen Freiheit oder Wohlstand zu suchen. Sie rissen Lücken in der DDR.
Dass das nicht lange so weitergehen konnte, war wohl zu ahnen in jenem Sommer. Im Juni 1961 fragte eine Journalistin der «Frankfurter Rundschau» SED-Chef Ulbricht, ob eine «Staatsgrenze» am Brandenburger Tor geplant sei. Der wiegelte ab: «Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.» Zwei Monate später war es dann doch so weit.
155 Kilometer
Am frühen Morgen des 13. August begannen Soldaten und Bautrupps auf Befehl der SED-Spitze, die Grenze des sowjetischen Sektors mit Asphaltstücken, Pflastersteinen und Betonpfeilern zu blockieren. Es war der Anfang der letztlich 155 Kilometer langen Mauer.
«Ostberlin abgeriegelt», titelte ein Extrablatt der Westberliner «Morgenpost». Und Willy Brandt, der Regierende Bürgermeister im Westteil, wählte einen drastischen Vergleich für die Grenzanlagen: «Sie bedeuten, dass mitten durch Berlin nicht nur eine Art Staatsgrenze, sondern die Sperrwand eines Konzentrationslagers gezogen wird.»