Die einen nennen es «Schmutzkampagne», die anderen Aufholjagd: Özdemir hat jedenfalls gegen Hagel mit knappem Vorsprung gewonnen. Und Schwarz-Rot in Berlin geht angeschlagen aus der Wahl hervor.
Am Ende wurde es zwar noch einmal knapp. Aber trotzdem hat die CDU eine schon gewonnen geglaubte Wahl auf den letzten Metern noch gegen die Grünen verloren. Der große Wahlsieger ist der «anatolische Schwabe» Cem Özdemir, der auch durch die Abgrenzung von den Grünen im Bund entscheidende Punkte gemacht hat. Die SPD hat einen weiteren Negativrekord eingefahren und von der FDP bleibt immer weniger übrig. Und es gibt noch eine Besonderheit: Grüne und CDU sind so nah beieinander, dass sie künftig genau gleich viele Sitze - jeweils 56 - im Parlament haben. Fünf Lehren aus der Landtagswahl in Baden-Württemberg und wie es jetzt weitergeht.
Wahlgewinner Özdemir: Auf die Spitzenkandidaten kommt es an
Dass bei Landtagswahlen die Spitzenkandidaten eine entscheidende Rolle spielen, ist keine neue Erkenntnis. Aber bei dieser Wahl kam dieses Prinzip besonders stark zum Tragen. Auf den Wahlplakaten Özdemirs war nur er zu sehen, den Namen seiner Partei musste man suchen. Der frühere Bundesagrarminister koppelte sich von Berlin ab, machte sein eigenes Ding und punktete damit entscheidend. Nach 15 Jahren Winfried Kretschmann können die Grünen nun mit dem ehemaligen Parteivorsitzenden als Regierungschef weiterregieren.
Wahlverlierer Hagel: Bleibt auch etwas an Merz hängen?
Lange Zeit klar geführt und dann doch noch verloren. Für den CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel ist es eine extrem bittere Wahlniederlage. Auf der Zielgeraden wurde ihm ein acht Jahre altes Videos zum Verhängnis, in dem er von einer Schülerin «mit rehbraunen Augen» schwärmt. Die CDU spricht einhellig von einer «Schmutzkampagne» - auch die Bundespartei.
Eigene Fehler werden nicht eingestanden, weil in zwei Wochen in Rheinland-Pfalz schon die nächste Wahl ansteht. Sollte die auch verloren gehen, wird es auch um die Rolle von Kanzler Friedrich Merz (CDU) gehen. Die Debatten, die in seiner Bundespartei zuletzt über «Lifestyle-Teilzeit» und höhere Zahnarzt-Kosten geführt wurden, dürften den Wahlkämpfern jedenfalls nicht geholfen haben.
Absturz der SPD: Es geht immer noch tiefer
Historisch schlechte Wahlergebnisse sind für die SPD nichts Neues. Beispiel Bundestagswahl 2025: Mit 16,4 Prozent fuhren die Sozialdemokraten ihr schlechtestes Ergebnis bei einer bundesweiten Wahl seit 1887 ein. Aber es geht noch tiefer. Die 5,5 Prozent in Baden-Württemberg sind nun das schlechteste Wahlergebnis überhaupt bei einer Landtagswahl. Immerhin ist der Partei die größtmögliche Schmach erspart geblieben, aus dem Landtag zu fliegen.
Die Erklärungen für das Desaster sind bisher relativ dünn. Man sei im Kopf-an-Kopf-Rennen der Spitzenkandidaten zerrieben worden, heißt es. Für die Sozialdemokraten wird die Wahl in Rheinland-Pfalz nun extrem wichtig. Wenn SPD-Ministerpräsident Alexander Schweitzer dort verliert, dürfte sich der Ärger in der Partei offen Bahn brechen.
Aufstieg der AfD: Es geht weiter ungebremst nach oben
Die AfD hat ihr Wahlergebnis von 2021 fast verdoppelt und mit 18,8 Prozent ein Rekordergebnis bei einer Landtagswahl in Westdeutschland eingefahren (bisher 18,4 Prozent in Hessen 2023). Für die Bundespartei ist das trotzdem nur ein Etappensieg.