Ministerin Paul tritt zurück – Wüst setzt auf Neuanfang
Autor: Bettina Grönewald und Dorothea Hülsmeier, dpa
, Dienstag, 27. Januar 2026
Ministerinnenwechsel im Krisenmodus: Die politische Aufarbeitung des Solinger Anschlags und Kita-Proteste erschüttern das NRW-Kabinett. Schwarz-Grün braucht einen Befreiungsschlag vor der Wahl 2027.
Mit dem überraschenden Rücktritt der nordrhein-westfälischen Flucht- und Familienministerin Josefine Paul hat Hendrik Wüsts schwarz-grüne Regierung in NRW ihre erste Krise zu bewältigen. Die 43-jährige Grüne stand in den vergangenen Monaten an zwei Fronten zunehmend unter Druck: bei der Aufarbeitung des Terroranschlags von Solingen und der unpopulären Änderung des Kinderbildungsgesetzes.
16 Monate vor der Landtagswahl im bevölkerungsreichsten Bundesland geht es jetzt für die Regierung von Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) um zügige Schadensbegrenzung. Dabei drückt die Koalition mächtig auf die Tube: Noch bevor Wüst sich am Morgen in der Düsseldorfer Staatskanzlei den Medien erklärt, hatte er Paul die Entlassungsurkunde bereits überreicht und die Nachfolgerin ernannt: Die erfahrene Co-Vorsitzende der Grünen-Landtagsfraktion, Verena Schäffer, die zwischen 2020 und 2022 gemeinsam mit Paul die Fraktionsspitze gebildet hatte.
Selbstbestimmt oder getrieben?
Während sich gleich mehrere Vertreter der Regierung und ihrer Fraktionen mühten, Pauls Rücktritt als selbstbestimmten Schritt hervorzuheben und nicht als Folge verschärften Drucks der Opposition, feierten SPD und FDP den aus ihrer Sicht überfälligen Schritt. Beide Seiten stellten die Vorgänge im Untersuchungsausschuss des Landtags zum Solinger Terroranschlag vom August 2024 ins Zentrum ihrer Betrachtungen.
Schon seit der U-Ausschuss im Herbst 2024 mit der Aufarbeitung des islamistisch motivierten Attentats mit drei Toten begonnen hatte, stand Paul im Zentrum der Kritik - zuletzt sogar zunehmend. Der nach außen recht nüchtern auftretenden Politikerin wurden schleppende Kommunikation, mangelnde Empathie und Verschleierung der regierungsinternen Abläufe vorgeworfen.
Eine mysteriöse SMS bringt das Fass zum Überlaufen
Spätestens, nachdem kürzlich eine nicht in den Ausschussakten enthaltene SMS von Medien veröffentlicht worden war, die aus Sicht der Opposition frühere Angaben der Ministerin über ihre ersten Kenntnisse über das Solinger Drama zweifelhaft erscheinen lassen, sei «das Vertrauen nachhaltig erschüttert», bilanzierte die stellvertretende SPD-Fraktionschefin Lisa Kapteinat.
Nachdem Paul dem Druck so lange standgehalten und allen Anschuldigungen stets widersprochen hatte, waren viele allerdings nicht mehr davon ausgegangen, dass noch ein Rücktritt erfolgen würde - zumindest stand er nicht nach außen ersichtlich akut bevor. Sowohl Wüst als auch Paul selbst begründeten das Aus nun mit dem vorrangigen Interesse an sachlicher Aufklärungsarbeit im U-Ausschuss.
Paul beklagt «Polarisierung um meine Person»
«Ich gehe diesen Schritt, da die zunehmende politische Polarisierung im Untersuchungsausschuss um meine Person eine Dimension angenommen hat, die das eigentliche Ziel überlagert: eine sorgfältige und unvoreingenommene Aufklärung im Sinne der Opfer des Terroranschlags von Solingen, ihrer Angehörigen und Hinterbliebenen», erklärte Paul.