Anschlag auf jüdisches Heim – «Antisemit mit Hitler-Tick»
Autor: Cordula Dieckmann, dpa
, Donnerstag, 20. August 2026
Jahrzehnte war der Brandanschlag auf ein jüdisches Altenheim in München 1970 ungeklärt. Nun legen sich die Behörden auf einen Verdächtigen fest: ein glühender Antisemit, der von Hitler fasziniert war.
Sie hatten das Grauen des Holocaust überlebt – und fanden sich 25 Jahre nach ihrer Rettung in einem Flammeninferno wieder. Sieben Menschen starben am 13. Februar 1970 bei einem Brandanschlag auf ein jüdisches Altenheim in München. Mehr als 56 Jahre später nennt die Generalstaatsanwaltschaft München nun einen Tatverdächtigen: einen als rechtsextrem und antisemitisch bekannten Deutschen, der 2020 starb. Und: für die Justiz war er kein Unbekannter.
Einer der «schwersten Anschläge gegen jüdisches Leben»
«Wir sprechen hier von einem der schwersten Anschläge gegen jüdisches Leben seit dem Zweiten Weltkrieg», sagt Oberstaatsanwalt Andreas Franck, Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Justiz. Der Fall sei eine «Wunde in der jüdischen Seele» gewesen, aber auch in der deutschen. Das nun vorgelegte Ergebnis leiste hoffentlich einen Beitrag zu einem Rechtsfrieden, auch wenn für den verstorbenen Verdächtigen die Unschuldsvermutung gilt. Anhaltspunkte für weitere Tatbeteiligte wurden nicht gefunden.
«Hilfe, wir werden verbrannt»
Den Ermittlungen zufolge hatte der Tatverdächtige in dem Gebäude der Israelitischen Kultusgemeinde ein Benzingemisch verschüttet und angezündet – an mehreren Stellen im hölzernen Treppenhaus. Der einzige Zugang zu den Wohnräumen über vier Stockwerke wirkte dabei wie ein Kamin. In kürzester Zeit loderten den Ermittlern zufolge die Flammen bis hoch zum Dachgeschoss, dazu kam viel Rauch.
Die von dem Kabarettisten Christian Springer 2020 gegründete Initiative Schulterschluss gibt auf ihrer Internetseite Einblicke in die entsetzlichen Momente. «Hilfe, wir werden verbrannt», so einer der vielen dort dokumentierten verzweifelten Hilferufe.
Viele Menschen konnten gerettet werden, etwa weil sie aufs Dach flüchteten oder von der Feuerwehr über Drehleitern befreit wurden. Fünf Männer und zwei Frauen zwischen 59 und 71 Jahren waren in den Flammen gefangen und starben.
«Antisemit mit "Hitler-Tick"»
Was weiß man über den Tatverdächtigen? Die Generalstaatsanwaltschaft wälzte Akten früherer Ermittlungen und verhörte Menschen aus dem Umfeld des damals 25-jährigen. «Zeugen beschrieben ihn als Antisemiten mit einem "Hitler-Tick"», so die Behörde.
Als Jugendlicher habe er Reden von Adolf Hitler auf Schallplatte gehört. Im sogenannten Führersperrgebiet am Obersalzberg habe er Schießen geübt. Er hantierte demnach gern mit explosiven Stoffen und wurde für die Zerstörung zweier Telefonzellen in den 1960er Jahren zu einer Jugendstrafe verurteilt.