Die Deutschen und Amerika - enttäuschte Liebe?
Autor: Christoph Driessen, dpa
, Freitag, 03. Juli 2026
Kaum ein anderes Land fasziniert die Deutschen so sehr wie Amerika. Seit jeher schwankt das Bild zwischen Traum und Albtraum. Trumps zweite Amtszeit dürfte die große Zäsur sein.
Amerika. Für die längste Zeit der vergangenen 250 Jahre war dieses Wort für Deutsche gleichbedeutend mit einem Freiheitsversprechen. Joseph Hilsenrath aus Bad Kreuznach zum Beispiel erinnerte sich noch hochbetagt daran, wie er 1941 als Kind nach jahrelanger Flucht vor den Nazis plötzlich die Freiheitsstatue aus dem Nebel des Atlantiks auftauchen sah. «Es war einfach unfassbar», erzählte er unter Tränen in einem TV-Interview. «Dieses Gefühl hat mich nie verlassen.»
Doch in den vergangenen eineinhalb Jahren ist dieses Versprechen in schnellem Tempo ausgehöhlt worden. Bilder von maskierten Häschern der Einwanderungsbehörde ICE bei ihren mitunter tödlichen Razzien provozierten bei Kritikern sogar Vergleiche mit der Gestapo und «Nazi-Methoden». Statt als Führungsnation der freien Welt erscheinen die USA nun als ein Land, das Richtung Autokratie abdriftet.
Fast obsessiv checken die Deutschen jeden Morgen, was sich der orangene Mann im Weißen Haus wieder geleistet hat. Gleichzeitig ist die Soft Power der Supermacht so stark wie eh und je: Die deutsche Öffentlichkeit fiebert der Hochzeit von Popstar Taylor Swift entgegen. Serien wie «Stranger Things» und «Euphoria» brechen auch hierzulande Streaming-Rekorde. American Football und Basketball haben in Deutschland immer mehr Fans. Wie erklärt sich diese Ambivalenz?
Die zwei Amerikas - Idealbild und Wirklichkeit
«Eigentlich gibt es zwei Amerikas», analysiert der Amerikanist Michael Butter von der Universität Tübingen. «Zum einen ist da das reale, imperfekte Amerika, in dem Diskriminierung und Rassismus und der Gegensatz zwischen Arm und Reich nie überwunden worden sind, teilweise sogar exorbitant zugenommen haben. Und gleichzeitig ist da diese Idee von Amerika als einem Land, das nicht auf Abstammung gründet, sondern auf gemeinsamen Werten. Die älteste Demokratie der Welt. Wir nehmen also immer entweder das eine oder das andere Amerika in den Fokus.»
Der Historiker Volker Depkat, bekannt durch seinen Podcast «Amerika verstehen» im Deutschlandfunk, sieht es ähnlich. «Die Amerika-Bilder der Deutschen bewegen sich seit jeher im Spannungsfeld zwischen Traum und Albtraum», sagt er. Lange seien die USA das Sinnbild für Modernität gewesen – politisch als liberale Demokratie, wirtschaftlich als kapitalistischer Industriestaat. «Für progressiv denkende Deutsche war Amerika in Vielem das große Vorbild, während konservative Kräfte die von Amerika repräsentierte Modernität für sich ablehnten.»
Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen viele Westdeutsche direkt mit Amerikanern in Kontakt. Rosinenbomber, Care-Pakete und Marshall-Hilfe ließen den ehemaligen Feind in erstaunlich kurzer Zeit zur bewunderten Schutzmacht werden. Der «American Way of Life» stand für Freiheit, Modernität und Zukunft. Namen wie «New York», «Kalifornien» und «Hollywood» hatten einen magischen Klang.
Die Deutschen haben die US-Kultur zu ihrer eigenen gemacht
Gleichzeitig kämpften westdeutsche Bildungsbürger noch lange gegen angeblich jugendgefährdende Tanzstile und gewaltverherrlichende Comics. «Amerika, das Land ohne Kultur – das war damals immer noch ein viel gehörter Vorwurf» erläutert Depkat. «Rock’n’Roll und Mickey Mouse statt Goethe und Schiller. Es war dann Teil der Liberalisierung der Bundesrepublik, dass sich eine wachsende Zahl von Deutschen im Westen verankerte und die amerikanische Popkultur zu ihrer eigenen machte.»