Abnehmspritze: Wird in Deutschland bald weniger gegessen?
Autor: Christian Rothenberg und Maximilian v. Klenze, dpa
, Dienstag, 06. Oktober 2026
Wenn bald Millionen von Menschen weniger Hunger haben, verändert sich dann auch das Einkaufs- und Konsumverhalten? Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Die Abnehmspritze ist ein Milliardengeschäft. Dank rasant wachsender Einnahmen durch Blockbuster-Medikamente wie Ozempic und Wegovy stieg der dänische Pharmakonzern Novo Nordisk zu einem von Europas wertvollstem Unternehmen auf. Novo Nordisks ärgster Konkurrent im Markt - die US-Firma Eli Lilly - ist das derzeit nach Börsenwert wertvollste Gesundheitsunternehmen der Welt.
Doch nicht alle Branchen rechnen mit sprudelnden Profiten durch abnehmende Menschen. Die Medikamente enthalten den Wirkstoff Semaglutid, der das körpereigene Hormon GLP-1 nachahmt und beim Abnehmen hilft, indem er den Appetit zügelt und das Sättigungsgefühl steigert. Vor allem für den Lebensmittelhandel stellt sich deswegen die Frage, ob Millionen von Menschen bald weniger konsumieren.
Wird in Deutschland bald weniger gegessen?
Das ist zumindest möglich. Einer YouGov-Studie zufolge reduzierten 1,7 Millionen Haushalte mit mindestens einem GLP-1-Nutzer ihre Einkaufsmengen innerhalb eines Jahres im Schnitt um drei Prozentpunkte stärker als Haushalte ohne Nutzer. Daraus ergebe sich für den Lebensmittelhandel ein möglicher Umsatzrückgang von rund 325 Millionen Euro jährlich.
Gemessen am gesamten Markt für Produkte des täglichen Bedarfs wäre der Effekt mit 0,16 Prozent zunächst überschaubar. Größer könnte er jedoch ausfallen, wenn in Zukunft immer mehr Menschen die Medikamente nutzen. Die Abnehmspritze ist seit etwa drei Jahren in Deutschland erhältlich. Ab diesem Herbst kommt das Medikament nun auch als Tablette in deutsche Apotheken. Bisher interessieren sich laut YouGov schon 2,8 Millionen Haushalte für eine Behandlung. Für 48 Prozent der Interessierten würde eine Tablette statt einer Spritze die Wahrscheinlichkeit zusätzlich erhöhen, mit einer Behandlung zu beginnen.
Zudem geben laut der Boston Consulting Group (BCG) 70 Prozent der GLP-1-Nutzer an, dass auch andere Mitglieder ihres Haushalts ihre Ernährungsgewohnheiten änderten. Dieser Effekt bedeute, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen deutlich größer ausfallen könnten als die reine Zahl der GLP-1-Nutzer zunächst vermuten lasse, sagt die Konsumgüterexpertin Karin von Funck von BCG.
Für eine Veränderung des Essverhaltens sprechen auch Angaben aus der Lebensmittelbranche. Der Tiefkühlkost-Hersteller Frosta etwa berichtet, dass sich kleinere Packungsgrößen derzeit überdurchschnittlich gut entwickelten. Das könne ein Hinweis auf bewusster portionierende Verbraucher sein, die nur so viel konsumieren, wie sie tatsächlich benötigen, lasse sich aber nicht eindeutig auf GLP-1-Medikamente zurückführen, so Frosta.
Was verändert sich dann im Supermarkt?
Zu den großen Verlierern im Einkaufswagen könnten Chips, Süßigkeiten, Snacks und Softdrinks zählen. In Deutschland ging die eingekaufte Menge an Kartoffel-Knabbergebäck pro Nutzer-Haushalt der YouGov-Studie zufolge um 25 Prozent zurück. 5 Prozent hörten sogar gänzlich auf, Chips zu kaufen. Auch bei Erfrischungsgetränken sanken die Mengen deutlich, Nutzer in den Niederlanden kauften etwa 30 Prozent weniger Eistee und 24 Prozent weniger fruchtige Erfrischungsgetränke. In Italien kauften GLP-1-Nutzer deutlich weniger Wein.