Druckartikel: Feuer in Mietshaus in München: Vater und zwei Kinder sterben - Angeklagter nach über einem Jahr frei

Feuer in Mietshaus in München: Vater und zwei Kinder sterben - Angeklagter nach über einem Jahr frei


Autor: Agentur dpa

München, Freitag, 25. Mai 2018

Keine Beweise, nur viele Indizien: Ein ungewöhnlicher Prozess um ein katastrophales Feuer in München mit drei Toten ist zu Ende gegangen. Der Angeklagte wird freigesprochen - und im Gericht fließen Tränen.
Ein Feuerwehrmann transportiert an einem Einsatzort eine Leiche mit einer Trage am Korb einer Drehleiter. Bei einem Brand an der Dachauer Straße sind drei Menschen ums Leben gekommen, zehn weitere wurden verletzt. Foto: Tobias Hase/dpa


Freispruch oder lebenslange Haft? Die Anspannung im Saal ist greifbar, bevor Richter Michael Höhne sein Urteil spricht. Als er dann die ersten Sätze gesagt hat, bricht der Mann auf der Anklagebank in Tränen aus, wendet sich um, drückt seinen Verteidigern die Hände, schluchzt leise. Er ist freigesprochen vom Vorwurf des Mordes. Vom Vorwurf, im November 2016 ein Feuer gelegt zu haben in dem Mietshaus in München, in dem er selbst lebte. Drei Menschen kamen bei dem Brand ums Leben: ein 37 Jahre alter Mann und dessen zwei Töchter, 9 und 16 Jahre alt. Im Tod hielt der Vater seine Jüngste umklammert.

Es war eine grauenvolle Katastrophe, die sich in jener Nacht abgespielt hatte. Dass der 44-jährige Angeklagte dafür verantwortlich ist, sei jedoch nicht erwiesen, erklärt Richter Höhne am Freitag. "In dubio pro reo", begründet er sein Urteil - im Zweifel für den Angeklagten.



Die Staatsanwaltschaft hatte nicht an der Schuld des Mannes mit tunesischer und libyscher Staatsangehörigkeit gezweifelt und lebenslange Haft gefordert - obwohl es von Beginn an keine handfesten Beweise gegeben und der Angeklagte die Anschuldigungen bestritten hatte. Ein reiner Indizienprozess, betonte Verteidiger Walter Lechner immer wieder. Zudem habe sein Mandant kein Motiv. Zeugen hätten ihn als stets höflich und gelassen beschrieben. Er forderte Freispruch.

Die Anklagebehörde hatte als Motiv Frust und Ärger ins Feld geführt - über die Zustände in dem Haus, in dem überwiegend Bulgaren lebten, die schlechte Hygiene und die häufigen Bewohnerwechsel. In der Nacht auf den 2. November 2016 habe der Mann im Treppenhaus eine Matratze angezündet, vermutlich mit einem Feuerzeug, warf die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten vor. Sie kann Revision einlegen.



Die Flammen hatten sich in Minutenschnelle nach oben ausgebreitet. Der 37-jährige Vater und seine zwei Töchter, die im fünften Stock wohnten, wollten sich über das Treppenhaus retten - doch es war zu spät. Der Mann und das neunjährige Mädchen starben an extremer Hitzeeinwirkung, die ältere Tochter an einer Rauchgasvergiftung. Die Mutter hielt sich derweil in Bulgarien auf, schwanger.
Auch sie ist am Freitag im Saal - und muss nun damit leben, dass das Gericht keinen Verantwortlichen für das Feuer ausgemacht hat, dem ihre Familie zum Opfer fiel. "Aber möglicherweise einen Unschuldigen zu verurteilen und lange einzusperren wäre die nächste Katastrophe", sagt Richter Höhne, während die Witwe in ihr Taschentuch weint. Die Kammer habe am Ende nicht ausschließen können, dass das Feuer - etwa durch eine glimmende Zigarettenkippe - fahrlässig ausgelöst wurde.

Der 44-Jährige ist nun ein freier Mann - nachdem er von März 2017 bis zuletzt in Untersuchungshaft gesessen hatte. Dafür soll er finanziell entschädigt werden. Nach dem Urteil verlässt er rasch den Saal. "Freispruch oder lebenslänglich - das war sehr emotional", sagt Verteidiger Lechner.

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