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Rezept-Betrug auch in München: Polizei zerschlägt Bande um 15-Jährigen


Autor: Stefan Lutter

München, Donnerstag, 05. Februar 2026

Ermittler stoppen einen groß angelegten Rezeptbetrug mit Festnahmen in mehreren Bundesländern. Der finanzielle Schaden für das Gesundheitssystem ist immens.
Eine kriminelle Bande hat über Monate hinweg bundesweit Apotheken mit gefälschten Rezepten getäuscht und teure Medikamente erschlichen. Nach intensiven Ermittlungen der Polizei München sitzen mehrere Mitglieder inzwischen in Haft, darunter auch Organisatoren aus Berlin, Hessen und Norddeutschland. Besonders erstaunlich: Eine zentrale Rolle spielte laut der Deutschen Presse-Agentur (dpa) offenbar ein erst 15-jähriger Schüler aus Berlin.


Rezeptbetrug in Deutschland: Eine kriminelle Bande nutzte gefälschte Rezepte, um sich teure Medikamente zu erschleichen – mit einem 15-Jährigen als Drahtzieher.

Zwischen Berlin, München und weiteren Städten gelangten die Arzneimittel über Apotheken und Postsendungen in die Hände der Täter. Die Polizei deckte das Netzwerk auf, nachdem ein aufmerksamer Apotheker in Bayern Verdacht schöpfte. 

Millionenbetrug mit gefälschten Rezepten - Polizei zerschlägt bundesweit agierende Bande

Eine kriminelle Bande hat über Monate hinweg bundesweit Apotheken mit gefälschten Rezepten getäuscht und teure Medikamente erschlichen. Nach intensiven Ermittlungen der Polizei München sitzen mehrere Mitglieder inzwischen in Haft, darunter auch Organisatoren aus Berlin, Hessen und Norddeutschland. Besonders erstaunlich: Eine zentrale Rolle spielte laut der Deutschen Presse-Agentur (dpa) offenbar ein erst 15-jähriger Schüler aus Berlin.

Der Fall begann im November 2025, als in einer Münchner Apotheke ein gefälschtes Rezept auffiel. Die alarmierte Polizei konnte einen 25-jährigen Tatverdächtigen festnehmen. Ihm werden mittlerweile weitere Einlösungen gefälschter Rezepte nachgewiesen. Trotz seiner Festnahme wurden weiterhin Rezepte bundesweit telefonisch zur Vorbestellung besonders teurer Medikamente angemeldet – die Anrufe kamen aus Berlin.

Die Ermittler stellten Postsendungen aus dem gesamten Bundesgebiet sicher, die auf dem Weg nach Berlin waren. In den Sendungen entdeckten sie zahlreiche verschreibungspflichtige Medikamente, die mithilfe gefälschter Rezepte in Apotheken in Baden-Württemberg und Niedersachsen beschafft worden waren. Im Zuge der Ermittlungen wurde ein 35-jähriger Mann aus Hessen festgenommen. Auch er sitzt mittlerweile in Untersuchungshaft.

15-jähriger Schüler spielt zentrale Rolle

Die Polizei konnte laut BR24 nach eigenen Angaben den bundesweit tätigen Anrufer identifizieren: einen 15-jährigen Schüler aus Berlin. Bei weiteren Ermittlungen in der Hauptstadt wurde ein 33-Jähriger festgenommen, der ein Paket in einer Filiale abholen wollte, das zuvor vom 25-jährigen Münchner Täter versandt worden war. In den Räumen des 33-Jährigen fanden die Beamten weitere Krebsmedikamente und zahlreiche gefälschte Rezepte. Auch dieser Beschuldigte kam in Untersuchungshaft.

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In Berlin führte die Polizei zudem mit Unterstützung einer Hundertschaft insgesamt 13 Durchsuchungen durch. Dabei wurden weitere Arzneimittel sowie mutmaßliches Diebesgut wie Mobiltelefone beschlagnahmt. In Hamburg und anderen norddeutschen Städten bestellte und holte ein 32-Jähriger nach bisherigen Erkenntnissen Medikamente ab.

Bei einer Wohnungsdurchsuchung wurde ein 43-Jähriger in flagranti beim Drucken gefälschter Rezepte erwischt. Er wurde gemeinsam mit dem 32-Jährigen und einem weiteren 28-jährigen Tatverdächtigen nach Bayern überstellt.

Warenwert im sechsstelligen Bereich - Gesamtschaden wohl deutlich höher

Der Warenwert aller sichergestellten Arzneimittel und der noch nicht eingelösten Rezepte liegt laut Polizeipräsidium München im sechsstelligen Bereich. Der finanzielle Schaden für das Gesundheitssystem könnte jedoch noch deutlich höher liegen, da viele Medikamente auf dem Schwarzmarkt ins Ausland verkauft wurden, so BR24.

Ähnliche Fälle von Rezeptfälschungen treten in Deutschland seit etwa zwei Jahren immer häufiger auf. Kriminelle Banden fälschen gezielt Kassenrezepte, lassen sich Originalpräparate – darunter teure Krebsmedikamente oder Abnehm-Spritzen – in Apotheken aushändigen und verkaufen sie dann auf dem Schwarzmarkt. Die Schäden für das Gesundheitssystem gehen laut Schätzungen in die Millionenhöhe.

Erst in der vergangenen Woche hatten zwei junge Männer versucht mit gefälschten Rezepten im unterfränksichen Kreis Rhön-Grabfeld an Medikamente heranzukommen. Doch die Mitarbeiter der Apotheken werden misstrauisch.

Gefälschte Rezepte: Diese Medikamente waren betroffen

Die Bande hat laut Polizei und Medienberichten vor allem Rezepte für sehr teure, verschreibungspflichtige Medikamente gefälscht, darunter hochpreisige Krebsmedikamente und sogenannte Abnehm-Spritzen. Eine genaue Aufstellung nach konkreten Fällen und wissenschaftlichen Erkenntnissen ergibt folgende Liste:

  • Krebsmedikamente:
    • Beispiele: Alecensa (Alectinib), Braftovi (Encorafenib), Caprelsa (Vandetanib), Lenvima (Lenvatinib), Lonsurf (Trifluridin/Tipiracil), Mekinist (Trametinib), Mektovi (Binimetinib), Orserdu (Elacestrant), Tukysa (Tucatinib)
    • Verwendung: Behandlung verschiedener Krebserkrankungen (z.B. Brustkrebs, Lungenkrebs, Darmkrebs)
    • Wirkstoffe: Je nach Präparat, z.B. monoklonale Antikörper oder Tyrosinkinase-Inhibitoren
    • Wirkungsweise: Hemmen gezielt Wachstumsfaktoren und Signalwege in Tumorzellen, blockieren Enzyme oder Proteine, die für das Tumorwachstum notwendig sind, oder stimulieren das Immunsystem zur Zerstörung von Tumorzellen
    • Durchschnittspreise: Zwischen 3.000 und 13.000 Euro pro Packung; jährlich oft 30.000 bis 100.000 Euro pro Patient, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet
  • Abnehm-Spritzen / Diabetesmedikamente:
    • Beispiele: Ozempic (Semaglutid), Wegovy (Semaglutid), Mounjaro (Tirzepatid), Saxenda (Liraglutid), Trulicity (Dulaglutid)
    • Verwendung: Behandlung von Typ-2-Diabetes und/oder Adipositas (Fettleibigkeit)
    • Wirkstoffe: Semaglutid, Tirzepatid, Liraglutid, Dulaglutid
    • Wirkungsweise: Ahmen körpereigene Darmhormone (GLP-1- oder GIP-Agonisten) nach, regulieren Appetit und Blutzucker, verzögern die Magenentleerung und fördern das Sättigungsgefühl
    • Durchschnittspreise (laut Apotheken Umschau)
      • Wegovy/Semaglutid: ca. 300 Euro pro Monat
      • Mounjaro/Tirzepatid: bis zu 500 Euro pro Monat
      • Saxenda/Liraglutid: etwa 350 Euro pro Monat
  • Weitere Spezialpräparate:
    • Beispiele: Ragwizax (Allergiemittel), Fentanyl (starkes Schmerzmittel, Opioid)
    • Verwendung: Ragwizax bei Allergien, Fentanyl zur Schmerzbehandlung bei schweren Erkrankungen, häufig in der Onkologie
    • Wirkstoffe: Je nach Präparat, z.B. Fentanyl als synthetisches Opioid
    • Durchschnittspreise: Ragwizax rund 350 Euro pro Packung; Fentanyl variabel

Die Bande fälschte Rezepte besonders häufig für hochpreisige Medikamente aus den Bereichen Onkologie, Adipositas und Diabetes sowie für bestimmte Spezialarzneien. Für viele dieser Präparate liegt der Preis pro Packung im vierstelligen Bereich, die jährlichen Behandlungskosten können über 100.000 Euro betragen.

Rezeptfälschungen nehmen zu – E-Rezept als Lösung?

Auch die Polizei sieht einen Zusammenhang mit der aktuellen Rezeptpraxis. Der Münchner Apotheker Peter Sandmann ist überzeugt, dass die Umstellung auf elektronische Rezepte (E-Rezepte) die Fälschungen deutlich erschweren oder sogar verhindern könnte. Die Polizei hat zuletzt mehr als 1000 Apotheken in Bayern ausdrücklich vor der neuen Masche gewarnt und auf die besondere Gefährdung durch gefälschte Rezepte hingewiesen, wie BR24 berichtet.

Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. Die Polizei prüft, ob weitere Apotheken oder Täter involviert sind, und arbeitet eng mit der Staatsanwaltschaft und dem Bundeskriminalamt zusammen. Ziel ist es, das Netzwerk vollständig zu zerschlagen und die Hintermänner zur Rechenschaft zu ziehen.

Mit dem Fall zeigt sich einmal mehr, wie lukrativ und professionell organisiert Kriminalität im Bereich des Medikamentenbetrugs sein kann. Die Behörden rufen Apotheken und Praxen weiterhin zu besonderer Wachsamkeit auf und empfehlen, bei Verdachtsfällen unverzüglich die Polizei zu informieren. sl/mit dpa