"Geschwiegen, weggesehen": Wohl Hunderte sexuelle Übergriffe bei Pfadfindern
Autor: Agentur dpa
München, Donnerstag, 29. Februar 2024
Mehr als 100 Fälle, Dutzende mutmaßliche Täter: Die Pfadfinder in Deutschland arbeiten sexuellen Missbrauch in den eigenen Reihen auf. Eine neue Studie zeigt aber wohl nur die Spitze des Eisberges.
Erschütternde Enthüllungen bei Pfadfindern: "Ich habe immer gedacht, ich bin ein Einzelschicksal", sagte Sophie Ruhlig. "Sprich da nicht drüber, dir glaubt sowieso niemand", habe er gesagt. "Du machst ja auch mit." Zwei Jahre lang sei sie von ihrem damaligen Pfadfinderführer sexuell missbraucht worden, sagte Ruhlig. Und heute weiß sie: Ein Einzelfall ist sie nicht.
Mehr als 100 Betroffene und Dutzende Beschuldigte listet eine neue Studie auf, die Missbrauchsfälle bei den Pfadfindern in Deutschland aufgearbeitet hat. "Grenzenlose Orte" ist die Untersuchung überschrieben, die das Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) am Donnerstag (29. Februar 2024) in München vorstellte.
Hunderte Betroffene bei Pfadfinder-Missbrauch: Mutmaßliche Täter oft sehr jung
Sie geht von mindestens 50 Beschuldigten und 123 Betroffenen im Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP) aus. Dazu kommen der Studie zufolge 24 Beschuldigte und 26 Betroffene, die zwar aus dem "Pfadfinderkontext" stammen, aber nicht zum Verband gehören. Nach Angaben des Bundes handelt es sich um die erste derartige Untersuchung in Deutschland, die sich auf einen Jugendverband bezieht. Die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Kerstin Claus, sprach von einem wichtigen Signal, das Vorbild sein sollte auch für andere Jugendverbände, in den eigenen Reihen Aufarbeitung zu betreiben.
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"Erstmals zeigt diese Aufarbeitungsstudie damit auch, wie Machtgefälle, Rangordnungen und falsch verstandene Loyalitäten in Jugendverbänden insbesondere auch von sehr jungen Tätern ausgenutzt wurden – und diese Loyalität Aufarbeitung bei den Pfadfindern bis heute erschwert", sagte sie. "Die besondere Vertrautheit bei Ausflügen, Fahrten oder in Zeltlagern gekoppelt mit einem großen Machtgefälle und spezifischen Gruppenritualen und Gruppenzwängen haben ein oft undurchschaubares Klima von Nähe, Angst und Übergriff geschaffen."
Betroffen waren nach Angaben der Wissenschaftler bei den Pfadfindern ebenso viele Mädchen wie Jungen. Die Täter seien allerdings nahezu ausschließlich männlich. Dabei gebe es "zwei Prototypen", heißt es in der Studie: der ältere, erwachsene Pfadfinder und der Jugendliche oder junge Erwachsene, "der seine Stellung als Leitungsfigur benutzt, um Jüngere sexuell auszubeuten". Die "riskantesten Orte" waren laut der Studie, Pfadfinderlager, Reisen und Stammestreffen. Übergriffe habe es "im Rahmen von Spielen und Ritualen" gegeben, aber auch in privaten Situationen; wenn Kinder und Jugendliche nach Hause gefahren worden seien beispielsweise.
Situation bei Pfadfindern "sehr spezifisch" - Aufklärung von sexueller Gewalt nur schwer möglich
Die Situation bei den Pfadfindern sei "sehr spezifisch", sagte Peter Caspari vom IPP, und mit der in der katholischen Kirche beispielsweise schwer zu vergleichen. Hier seien "sehr junge Menschen in Verantwortungssituationen gefangen". Das sei ein "großer Unterschied zu anderen Tatkontexten wie katholische Kirche, wo es klare Hierarchien von Erwachsenen gab, die ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden sind". Eine weitere Besonderheit bei den Pfadfindern: Weil oft sehr junge Leute in Leitungsfunktionen seien, sei es nicht ganz einfach, zwischen völlig einvernehmlichen Beziehungen unter Jugendlichen und denen, in denen jemand seine Macht missbraucht, zu unterscheiden.
Das IPP München, das unter anderem sexuelle Gewalt in der Odenwaldschule und im oberbayerischen, katholischen Kloster Ettal untersucht hat, hat die Studie gemeinsam mit "Dissens – Institut für Bildung und Forschung" in Berlin durchgeführt. Der Schwerpunkt der Studie liegt auf den Jahren zwischen 1976 und 2006. Die Forscher gehen von einem großen Dunkelfeld aus - unter anderem, weil aus einigen Bundesländern überhaupt keine Informationen geliefert worden seien.