Der Mechanismus dahinter: "In der Nacht fließt die kalte Luft, die sich über den Bergen abgekühlt hat, die Berge hinunter zum See und sammelt sich dann dort in der Mulde", schildert Reinartz. Das alleine reicht aber nicht. "Es muss wolkenlos sein, damit der Boden ausstrahlen kann, damit die Wärme letztlich ins Weltall abhauen kann. Und es muss windstill sein, damit sich die kalte Luft am See sammeln kann und nicht durch den Wind verfrachtet wird." Wenn dann noch auf dem gefrorenen See Schnee liege, fehle zudem die Bodenwärme. "Das heißt, die Luft, die über dem Schnee liegt, kann von unten nicht mehr erwärmt werden."
Rätselhafte doppelte Baumgrenze um den See
Am Funtensee sticht eine doppelte Baumgrenze ins Auge. Normalerweise wird der Bewuchs in den Bergen nach oben hin immer niedriger und geht von Wald in Krummholz, Zwergsträucher und letztlich Gräser über. Am Funtensee jedoch wachsen direkt am See keine Bäume, erst etwas weiter oben kommen niedriger Bewuchs und dann auch wieder Bäume hinzu.
Der Grund dafür ist umstritten. Viele machen dafür eben genau jene extreme Kälte verantwortlich, die den Pflanzen immer wieder das Leben schwer mache. In wissenschaftlichen Arbeiten wird hingegen der starke menschliche Einfluss hervorgehoben: Mehr als 350 Jahre lang, bis ins Jahr 1964, trieben die Bauern ihr Vieh hinauf zu den Almen am Funtensee. Dort sollen die Menschen die bestehenden Bäume gefällt und die Tiere die Jungpflanzen verbissen haben.
Ranger Egger findet es zumindest auffällig, dass es in dem Kessel keinen Wald gebe, jedoch ungefähr hundert Meter höher, wo die Kaltluft abfließen könne, nochmal ein Baumkranz aus Lärche und Zirbe stehe. Seine persönliche Meinung: "Ich bin schon der Überzeugung, dass nicht die Bauern dort den Wald gerodet haben, sondern dass die die Alm dort gemacht haben, weil in dem Kaltluftsee kein Wald war." Allerdings ergänzt Egger pragmatisch: "Vermutlich kann man das nicht mehr richtig nachweisen."
Warum der Funtensee trotz Kälterekord nicht der "kälteste Ort Deutschlands" ist
Auch wenn am Funtensee die tiefste in Deutschland gemessene Temperatur registriert wurde – als kältester Ort führt ihn der Deutsche Wetterdienst dennoch nicht. "Dadurch, dass es so eine exponierte Lage ist, die null repräsentativ ist für Deutschland an sich, taucht dieser Wert in keiner offiziellen Auswertung vom DWD auf", erzählt Reinartz.
Es könnten sogar noch kältere Orte in Deutschland existieren. "Es gibt ganz viele Höhentäler und Senken in den Alpen, wo es Ähnlichkeiten gibt", schildert Reinartz. Manche davon lägen noch höher. "Aber am Funtensee steht halt eine Messstation."
Rekordhalter ist stattdessen Wolnzach-Hüll in Oberbayern. Dort wurde es am 12. Februar 1929 minus 37,8 Grad kalt. Selbst für Meteorologe Reinartz etwas Besonderes. "Es kommt schon alle paar Jahre mal vor, dass es extrem kalt wird, Temperaturen unter minus 20 Grad hatten wir in den letzten Jahren schon auch hin und wieder. Aber unter minus 30 ist schon sehr, sehr, sehr selten!"
Top 10 der kältesten Orte Deutschlands
Deutschland mag nicht für extreme Kälte berühmt sein, doch einige Regionen überraschen mit außergewöhnlichen Tiefsttemperaturen. Insbesondere abgeschiedene Täler, Bergregionen und Senken bieten ideale Bedingungen für rekordverdächtige Werte. Orte wie der Funtensee in Bayern oder Wolnzach-Hüll gehören zu den bekanntesten Kältepolen des Landes. Hier sammeln sich Kaltluftmassen, begünstigt durch besondere geografische Gegebenheiten wie Muldenlagen oder hohe Schneedecken. Diese Bedingungen haben zu historischen Rekorden geführt, die bis heute unerreicht sind.
Dank der Aufzeichnungen des Deutschen Wetterdienstes und privater Wetterstationen ist eine Liste der kältesten Orte Deutschlands entstanden. Die Rekorde reichen von alpinen Regionen bis hin zu Orten in den Mittelgebirgen, die regelmäßig Temperaturen weit unter null verzeichnen. Hier sind die Top 10 der kältesten jemals gemessenen Orte in Deutschland:
- Funtensee, Bayern: -45,9 Grad Celsius (24. Dezember 2001, private Wetterstation)
- Wolnzach-Hüll, Bayern: -37,8 Grad Celsius (12. Februar 1929, offizieller Rekord)
- Kühnhaide, Sachsen: -35,5 Grad Celsius (1. Februar 1956)
- Wasserburg am Inn, Bayern: -35,1 Grad Celsius (10. Februar 1956)
- München, Bayern: -31,6 Grad Celsius (12. Februar 1929)
- Wahnsdorf bei Dresden, Sachsen: -30,5 Grad Celsius (12. Februar 1929)
- Oberharz am Brocken-Stiege, Sachsen-Anhalt: -30,2 Grad Celsius (Januar 2010)
- Anklam, Mecklenburg-Vorpommern: -20,7 Grad Celsius (Februar 2021)
- Marienberg, Sachsen: -26,0 Grad Celsius (Januar 1963)
- Sagard, Rügen, Mecklenburg-Vorpommern: -16,5 Grad Celsius (Januar 2021)
Das Steinerne Meer: Heimat des Funtensees im Herzen des Berchtesgadener Landes
Der Funtensee, eingebettet im Steinernen Meer, liegt im Landkreis Berchtesgadener Land in Bayern, direkt an der Grenze zu Österreich. Der See befindet sich auf einer Höhe von 1.633 Metern und gehört zum Nationalpark Berchtesgaden, dem einzigen Alpen-Nationalpark Deutschlands. Er ist von mächtigen Gipfeln wie dem Viehkogel (2.158 Meter) und dem Funtenseetauern (2.578 Meter) umgeben, die das Hochplateau prägen. Die Region gehört zur Gemeinde Schönau am Königssee und ist Teil der nördlichen Kalkalpen, die für ihre markanten Felsformationen und Karstlandschaften bekannt sind.
Die Erreichbarkeit des Funtensees ist ein echtes Abenteuer: Ausgangspunkt ist meist der Königssee, den Besucher von Berchtesgaden aus über die Bundesstraße B20 erreichen können. Von der Anlegestelle in Schönau fahren Elektroboote nach St. Bartholomä, wo der Wanderweg durch die berüchtigte "Saugasse" beginnt. Alternativ kann man den Funtensee über den Sagereckersteig oder das Wimbachgries erreichen. Diese Routen sind anspruchsvoll und erfordern gute Kondition, belohnen aber mit spektakulären Ausblicken auf das Steinerne Meer und die umliegenden Gipfel.
Aus touristischer Sicht ist die Region rund um den Funtensee von großer Bedeutung. Der Nationalpark Berchtesgaden zieht jedes Jahr Millionen von Besuchern an, die die unberührte Natur, die klaren Bergseen und die beeindruckenden Gipfel genießen. Der Funtensee selbst ist ein beliebtes Ziel für Wanderer und Bergsteiger, die die einzigartige Landschaft und die extremen klimatischen Bedingungen erleben möchten. Mit Attraktionen wie dem Kärlingerhaus, der Almer Wallfahrt und der Nähe zum Königssee bietet die Region sowohl Abenteuer als auch Erholung. Der Funtensee ist somit ein Highlight für Naturliebhaber und ein Symbol für die Schönheit der Berchtesgadener Alpen.
Geologische Geheimnisse der Berchtesgadener Alpen
Die Berchtesgadener Alpen sind ein Paradies für Geologen und Naturliebhaber, geprägt von einer faszinierenden Vielfalt an Gesteinsformationen. Der Ramsau Dolomit und der Dachsteinkalk, die beiden dominierenden Gesteinsarten, erzählen Geschichten von einem urzeitlichen Meer, das vor Millionen Jahren existierte. Laut Nationalpark Berchtesgaden bildet diese Schichtung die Gipfelregionen und Hochplateaus der Region, die heute von Wanderern und Naturliebhabern erkundet werden.
Besonders beeindruckend ist das Steinerne Meer, ein ausgedehntes Hochplateau, das sich wie eine steinerne Landschaft zwischen den mächtigen Bergmassiven erstreckt und die Vergletscherung der Berchtesgadener Alpen in ihrer ganzen Vielfalt zeigt. Gletscher wie das Blaueis oder die Übergossene Alm sind lebendige Zeugen der globalen Erwärmung und ihrer Auswirkungen.
Für Besucher bietet die Region zahlreiche Möglichkeiten, die geologischen Besonderheiten zu erkunden. Wie die Deutsche Geologische Gesellschaft berichtet, lassen sich die unterschiedlichen Gesteinsschichten besonders im Wimbachtal erleben. Die Berchtesgadener Alpen sind ein lebendiges Zeugnis der Naturkräfte, die diese beeindruckende Landschaft geformt haben.
Flora und Fauna: Ein verborgenes Ökosystem rund um den Funtensee
Die Natur rund um den Funtensee überrascht mit einer besonderen Vielfalt, die sich den extremen Bedingungen angepasst hat. Während die alpine Flora mit Krummholz und Zwergsträuchern die Landschaft prägt, gibt es in höheren Lagen auch Lärchen und Zirben, die sich an den steilen Hängen festklammern. Laut GEO zeigt sich am Funtensee eine ungewöhnliche Vegetationsgrenze, die durch die extreme Kälte geprägt ist.
Die Tierwelt ist ebenso beeindruckend. Steinböcke, Murmeltiere und Gämse sind hier häufig anzutreffen und bereichern das Landschaftsbild. Wie die Seite Bergfex berichtet, sind die Tiere besonders entlang der Wanderwege zu beobachten. Der See bietet zudem Lebensraum für Libellen, Wasserfrösche und zahlreiche Vogelarten.
Für Naturbegeisterte und Fotografen ist die Region ein wahres Paradies. Laut Nationalpark Berchtesgaden lässt sich die Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt bei Wanderungen erkunden. Der Funtensee zeigt sich als perfekter Ort, um die Schönheit und Vielfalt der Berchtesgadener Alpen hautnah zu erleben.
Einmalige Wanderung: Von der Saugasse zum Funtensee
Die Wanderung zum Funtensee ist nicht nur eine sportliche Herausforderung, sondern auch ein Abenteuer durch die beeindruckende Naturlandschaft der Berchtesgadener Alpen. Der Weg beginnt am idyllischen Königssee und führt durch die berüchtigte "Saugasse", eine steile Passage mit 36 Kehren, die einen Höhenunterschied von 400 Metern überwindet. Laut der offiziellen Webseite des Kärlingerhauses führt der Aufstieg durch diese Schlüsselstelle direkt ins Steinerne Meer, wo der Funtensee wie ein verborgenes Juwel liegt.
Nach der Saugasse öffnet sich das Hochplateau des Steinernen Meeres, wo der Funtensee von imposanten Felswänden eingerahmt ist. Laut der Berchtesgadener Tourismus-Seite bietet das Kärlingerhaus eine ideale Einkehrmöglichkeit, bevor Wanderer die alpine Atmosphäre genießen und ihre Kräfte sammeln.
Der Rückweg führt entweder über die gleiche Route oder über alternative Pfade, die ebenfalls spektakuläre Ausblicke bieten. Der Gemeinde Bischofswiesen zufolge gehört die Wanderung zum Funtensee zu den beliebtesten Touren, die Naturliebhaber und Bergbegeisterte in den Nationalpark Berchtesgaden ziehen. sl/mit dpa