Eine Schonfrist gibt es für Annalena Baerbock nicht. Es sind gleich die ganz großen Krisen dieser Welt, mit denen die neue Außenministerin in ihren ersten Tagen im Amt konfrontiert ist.

Russland und sein unberechenbarer Präsident Wladimir Putin in der Ukraine-Krise. Das schwierige Verhältnis zu China. Die stockenden Verhandlungen mit dem Iran über dessen Atomprogramm. Wer die 40-Jährige seit ihrem Amtsantritt am Mittwoch beobachtet, erlebt eine Frau, die angesichts der großen Herausforderungen selbstbewusst auftritt, aber nicht überheblich.

Frisch und mit festem Schritt bewegt sich Baerbock auf dem glatten internationalen Parkett. Eine junge Frau neben vielen älteren Herren in grauen Anzügen mit grauen Haaren. Es ist ein Antritts-Marathon nach Paris, Brüssel, Warschau, Liverpool. Ihr Credo überall: Erstmal zuhören. Fehler vermeiden. Und in wichtigen Momenten den eigenen Punkt machen. Es gibt ein paar Szenen, die deutlich machen, wie Baerbock ihre Rolle auf der großen Bühne ausfüllen will.

Erster Stop Paris

Paris: Der erste Besuch gilt ihrem französischen Kollegen Jean-Yves Le Drian. «Was gibt es schöneres als für eine Außenministerin am ersten Morgen im neuen Amt in Paris zu sein», schmeichelt Baerbock dem 74-Jährigen. Le Drian nennt das Verhältnis der Außenminister Frankreichs und Deutschlands einen «Schatz der deutsch-französischen Beziehung im Dienste Europas». Aber als es um den Vorstoß der Franzosen geht, Atomkraft zur «grünen Energie» zu erklären, macht die Noch-Grünen-Chefin Baerbock klar: Mit mir nicht.

Zwei Tage später spielt Le Drian erneut eine Rolle in einer markanten Szene: Zum obligatorischen Familienfoto beim Treffen der führenden westlichen Wirtschaftsnationen (G7) kommt Baerbock im Museum of Liverpool mit ihrem US-Kollegen Antony Blinken die spiralförmig gewundene Treppe hinab, ins Gespräch vertieft. Als die Fotos gemacht sind, geht sie mit Le Drian langsam als letzte die Stufen wieder hinauf. Irgendwann muss der Franzose Pause machen, auch die Deutsche bleibt stehen. So sieht Zuwendung aus, könnte das Signal sein.

Vorwürfe aus Polen

Warschau: Zum Abschluss von Baerbocks Antrittsbesuch beim schwierigen Nachbarn Polen listet Außenminister Zbigniew Rau 20 Minuten lang Vorwürfe und Forderungen auf. Der 66 Jahre alte Juraprofessor, der seit knapp einem Jahr im Amt ist, hat auch ein paar Ratschläge parat. «Viele meiner theoretischen Vorstellungen von meiner Arbeit wurden korrigiert durch die laufende Praxis», sagt er. Er wünsche ihr Glück. «Sie werden es brauchen bei der Erfüllung Ihrer Mission, aber auch in den polnisch-deutschen Beziehungen.»

Baerbock verfolgt Raus Tirade aufmerksam. Lange blickt sie den Kollegen von der Seite an. Keine Spur von Verstimmung ist zu erkennen, eher etwas Verwunderung. Wo der Mann doch vorher im Gespräch hinter verschlossenen Türen so zuvorkommend war, könnte sie denken. Dann kontert die Ministerin knapp und schlagfertig.

Sie bedanke sich für die Gastfreundschaft «und vor allen Dingen auch für die netten und lieben Grüße und klugen Tipps» und die Glückwünsche für das «diplomatische Leben, was vor mir, aber auch vor uns beiden liegt, weil wir uns jetzt ja ganz, ganz häufig gemeinsam in Europa bewegen werden», sagt Baerbock zu Rau. Ihre Verhandlungspartner sollten sie wohl besser nicht unterschätzen.

Druckbetankung in Liverpool

Liverpool: Beim Treffen mit ihren G7-Kolleginnen und -Kollegen geht es für Baerbock am Wochenende in die Vollen. Natürlich hat das Auswärtige Amt, dessen erste weibliche Ministerin sie ist, hervorragende Experten. Zu jedem Thema wird die neue Ministerin gebrieft, «Druckbetankung» nennen das manche. Aber vortragen, präsentieren, diskutieren - das muss die Newcomerin am Verhandlungstisch und in der Öffentlichkeit schon selbst. Bei ihren öffentlichen Auftritten am Rande des Treffens wirkt sie konzentriert, ruhig, wach. Auch wenn es Tage mit sehr wenig Schlaf sind.

Es entsteht der Eindruck, dass da eine Frau mit viel Schwung und Gestaltungswillen für Deutschland an die Arbeit geht. In Liverpool macht ihre Teilnahme die Runde weiblicher und jünger: Mit Gastgeberin Liz Truss und der Kanadierin Melanie Joly sind nun drei von sieben Chefs in der Runde Frauen. Und Baerbock-Vorgänger Heiko Maas (SPD) ist schon 55 Jahre alt.

Am frühen Samstagabend überlassen es die G7-Kolleginnen und -Kollegen Baerbock, die wichtigsten Ergebnisse der Verhandlungen öffentlich vorzutragen. Es gebe Einigkeit bei den zentralen Themen Russland, China und Iran, sagt die Grüne in die Kamera. Das war schon mehr, als sich manche als Ergebnis des Treffens erwartet hatten.

Im nächsten Jahr übernimmt Deutschland turnusgemäß den G7-Vorsitz. Dann will Baerbock die Fundamente für eine vertieftere Zusammenarbeit, die sie in Liverpool gelegt hat, weiter festigen.

Auf persönlicher Ebene muss es zwischen Baerbock und den anderen G7-Chefs schon ziemlich gut gelaufen sein. Vor allem US-Außenminister Antony Blinken muss die Runde beim gemütlichen Teil des Treffens am Samstagabend im Beatles Story Museum schwer mit seinen Fähigkeiten am Klavier beeindruckt haben. Sogar den John-Lennon-Klassiker «Imagine» soll er intoniert haben.

Harte Brocken stehen noch aus

Bislang war es ein Warmlaufen bei Wohlfühlterminen mit politischen Partnern für Baerbock. Die harten Brocken kommen noch. Etwa wenn sie gegen den oft bärbeißig wirkenden russischen Außenminister Sergej Lawrow bestehen muss. Oder wenn sie mit ihrem chinesischen Kollegen spricht. Den wird sie kaum schnell persönlich in Peking kennenlernen - dafür sorgen schon die Corona-Vorschriften der Chinesen.

Und dann ist da ja noch die SPD mit Kanzler Olaf Scholz. Mit seinen Antrittsbesuchen in Paris, Brüssel und Warschau ist er zwar nach ihr dran. Doch schon vergangene Woche hatte in der Ampel-Koalition das Fingerhakeln zwischen SPD und Grünen begonnen, wo denn nun die deutsche Außenpolitik künftig gemacht wird. Im Kanzleramt oder im Außenministerium? Ein wenig wurden da Erinnerungen an die Zeiten von «Koch und Kellner» zwischen dem SPD-Kanzler Gerhard Schröder und dem ersten Grünen-Außenminister Joschka Fischer wach.

Vielleicht könnte es für Baerbock ja hilfreich sein, dass sie wie Scholz in Potsdam nahe bei Berlin wohnt: Bei Unstimmigkeiten könnten beide zur Not sehr schnell persönlich Misstöne ausräumen.

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