Ahorn

Ausstellungen

Ausstellung „Mit jeder Faser. Über die Stoffe um uns herum“

Ahorn
01.07.2020 | 14:00 - 17:00
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"Mit jeder Faser. Ãœber die Stoffe um uns herum" Quelle: Schäferei 
Gestatten "Jenny" - Spinning Jenny. Die 1764 in England vom Weber James Hargreaves konstruierte und nach dessen Tochter benannte Spinnmaschine, eine Leihgabe des Technischen Museums Wien, hatte einst den Startschuss für die industrielle Revolution gegeben und damit einhergehend soziale und gesellschaftliche Umwälzungen weltweit eingeläutet. Rund 20.000 davon standen im 18. Jahrhundert in englischen und schottischen Häusern, konnten nunmehr maschinell mehrere Fäden gleichzeitig spinnen, um den enormen Bedarf an Garn für die Baumwollwebereien zu decken, und die nahmen den Handspinnerinnen damit zugleich auch das täglich Brot. Nun steht Spinning-Jenny, die beeindruckend Monströse, in der Alten Schäferei. Freilich ist es nicht das Original, denn davon gibt es nur noch sehr wenige. Nachgebaut wurde die "Jenny" 1997 in den Werkstätten der Technischen Universität Münster in aufwendiger Handarbeit. Übrigens war auch der Transport in die Alte Schäferei ein aufwendiges Unterfangen und wurde dankenswerter Weise von Schenker in Coburg mit einem 40-Tonner "zelebriert" Museumsleiterin Chris Loos ist stolz auf dieses außergewöhnliche Stück - die Ikone der Industriegeschichte, ihres Wissens die erste internationale Leihgabe im Gerätemuseum, dass die Ausstellung nicht nur aufwertet, sondern die Exponate aus dem eigenen Fundus auch in einen größeren Kontext stellt.
Die gesamte Konzeption und Gestaltung der neuen Ausstellung stammt aus der Feder von Chris Loos. Monatelang hat sie sich intensiv mit dem Thema beschäftigt, hat recherchiert, kontaktiert, viel gelernt und hin und wieder "Bauklötze" gestaunt. Die Geschichten um die Geschichte der Faser und ihrer Verarbeitung, die übrigens noch immer traditionell erfolgt, sind tatsächlich spannend und erstaunlich. Der Besucher kann sich viel selbst erschließen, über freischwebende Text- und Bildelemente und hier und da mit den Händen - ja, es gibt Wolle und Stoffe zum Anfassen und Spüren, wie den seidigen hauchzarten Stoff aus der tropischen Nesselart "Ramie", den original Hanfstoff der Jeans oder die kuschelweiche Wolle verschiedener Schafrassen. Hier wird aber auch der Tierschutz ins Spiel gebracht und nimmt in der Thematik riesiger Merionoschafherden in Australien oder der Angorakaninchenzucht in China traurige Gestalt an. "Wir sind ein Museum," erklärt Chris Loos, "und wir haben auch einen Bildungsauftrag. Wenn wir über tierische Fasern sprechen, gehören diese Bilder dazu, sozusagen ein Impuls für die Besucher, sich Gedanken zu machen über die Stoffe, die sie tragen."
Die Ausstellung ist im von Chris Loos liebevoll gewobenen Konzept wohl strukturiert, beleuchtet und zeigt pflanzliche und tierische Fasern. Es geht um Baumwolle, Kokos, Sisal, Hanf, um Schafwolle, Fasern von Lama, Kamel, Ziege und Ross. Chris Loos verweist auf die kleinen, aber überaus interessanten Details, auf die näher zu schauen sich auf jeden Fall lohnt. Rosshaar wurde als natürliche Federung verwendet, weil es sich bei Nässe kräuselt. In einer exotischen Vitrine sind die Besonderheiten zu bestaunen und gleich daneben nachzulesen. Seide, sagt Chris Loos, kenne jeder, aber den Faden der goldenen Seidenspinne, aus dem Stoff von märchenhafter Qualität gefertigt wurde? In Madagaskar kommt diese Spinne vor, und sie hatte 2012 zwei Forscher inspiriert, Acht Jahre lang ließen sie von einer Million Seidenspinnen die Fäden sammeln, aus denen ein zwei Meter langer Schal und ein bestickter Umhang von erlesener Schönheit gewoben wurde. "Das ist einfach irre, was die Natur hervorbringt."
Auch, was der Mensch hervorzubringen imstande ist, ist durchaus beeindruckend, wie die Vielfalt der Verwendung von Kunstfasern. Das feine Drahtgewirk, das in Ludwigstadt entsteht, erzählt die Museumsleiterin, werde auch heute noch auf Maschinen verarbeitet, wie sie früher schon funktionierten und mit der Spinning-Jenny ihren Anfang nahmen.
Im hinteren Teil der Ausstellung wartet noch ein Highlight auf die Besucher, ein Rennauto, dessen Karosserie zum größten Teil aus Karbonfasern besteht. Und das, so Loos, schlage dann auch wieder die Brücke zum Thema der Ausstellung, werden doch Karbonfasern ebenfalls mit denselben Verarbeitungstechniken gesponnen und verwoben, wie in alten Zeiten. Das Rennauto mit Namen "C-16-Karakal" ist eine Leihgabe der Hochschule Coburg und wurde von einem Studenten-Team, dem Cat-Rasing-Team, 2016 gebaut. Jedes Jahr konstruieren und bauen Studenten der FH ein solches extravagantes Fahrzeug und nehmen damit an internationalen Wettrennen teil. Eigentlich, sagt Chris Loos, die sich von der Begeisterung der jungen Leute hat anstecken lassen, hätten die Konstrukteure den Eröffnungsvortrag der Ausstellungseröffnung halten sollen. Die ist durch Corona ins Wasser gefallen.
Aber vielleicht, dieser Gedanke schießt der Museumsleiterin gerade durch den Kopf, könne es Finnisage geben.


Die Ausstellung „Mit jeder Faser. Über die Stoffe um uns herum“ ist bis zum 1. November 2020 zu den Öffnungszeiten von Dienstag bis Sonntag, 14 bis 17 Uhr, in der Alten Schäferei Ahorn zu sehen. Weitere Informationen zur Sonderausstellung und zur Alten Schäferei - Gerätemuseum des Coburger Landes gibt’s auch im Internet unter www.geraetemuseum-ahorn.de.
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