Bamberg
Gefährlicher Streaming-Dienst?

YouNow: Blick ins Kinderzimmer - Privatsphäre war gestern

Das Videoportal "YouNow" ist in aller Munde, wird gerade bei jungen Usern zunehmend beliebter. Einfache Bedienung, sofort live: Noch nie war es so simpel, sich im Internet einem Millionenpublikum zu präsentieren. Aufmerksamkeit ist die Währung. Doch niemand weiß, wer im Schutz der Anonymität zuschaut.
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Ein verfremdeter Screenshot der Profilbilder auf YouNow.
Ein verfremdeter Screenshot der Profilbilder auf YouNow.
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Nachmittags, halb 4 Uhr in Deutschland. Selbstporträts vor dem Badezimmerspiegel, Jungs mit nacktem Oberkörper, Mädchen in Tops mit tiefem Ausschnitt, rote Lippen, Kussmund, dazu ein scheues Lächeln. Wer das erste Mal auf YouNow surft, wird bereits durch die Profilbilder schier erschlagen von Selbstdarstellung.

Doch es geht nicht um Bilder, es geht um Videos. Dem User wird dabei der Voyeurismus sogar noch leicht gemacht. Es bedarf nicht einmal eines Klicks auf eines der bunten Fotos. Per Zufall startet eine beliebige Live-Übertragung ganz automatisch.


Eindeutige Fragen bei "YouNow": "Willst du fi**en?"
Ein Mädchen sitzt auf einem Bett, schaut mit großen Augen in die Kamera. Am Schrank im Hintergrund kleben kleine pinke Herzchen, die Nachmittagssonne scheint durch das Fenster, wirft warmes Licht auf die Kuscheltiere, die neben dem Kissen liegen. Während das Mädchen davon erzählt, wie sie sich heute für die Schule geschminkt hat und welchen Abdeckstift sie gerne für ihre "unruhige Haut" benutzt, rattern im Chatfenster am rechten Bildschirmrand die Kommentare ein. "Hast du einen Freund?", "Schöne Augen!", "Laaaaaaaangweilig!", "Zeig uns deinen BH!".

Das Mädchen, schätzungsweise 13 Jahre alt, hat im Moment der Live-Übertragung über 600 Zuschauer. Und die Kommentare werden zunehmend eindeutiger: "Hast du nippelpirsing?", "Hast du unter der leggins auch gern mal nix drunter?", "willst du fi**en?". Willkommen bei YouNow. Heute in den "Trending Tags": #deutsch, #deutsch-girl, #girls, u.a.!


Das Videoportal ist "genial" einfach
YouNow ist eine Videoplattform, auf der sich die User live im Internet präsentieren können. In den USA existiert das Portal seit 2011, seit Ende 2014 ist es auch in Deutschland populär. Das Prinzip ist denkbar einfach. Mit einem Account aus sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Google+ kann man sich anmelden. Eine gesonderte Altersprüfung findet nicht statt, lediglich in den "Rules & Community Standards" ist festgeschrieben, dass das Portal für Jugendliche unter 13 Jahren tabu ist.

Um den Streaming-Dienst einzurichten, braucht es einen PC mit Kamera, ein Tablet oder ein Smartphone. Die YouNow-App ist schnell installiert. Wie beliebt der Dienst ist, belegen Zahlen. In den vergangenen zwei Monaten ist die Nutzerzahl um 250 Prozent gestiegen. Allein in Deutschland brachten es die Nutzer im Januar 2015 auf rund 16 Millionen Streams, 100 Millionen Nutzersitzungen verzeichnet YouNow pro Monat. Das ergab eine Recherche von Spiegel-Online.


YouNow: Einfach gefährlich
Bedenklich wird die Nutzung von YouNow offensichtlich dann, wenn das Geltungsbedürfnis junger Menschen auf fehlende Internetkompetenz trifft. Wer möchte, zeigt öffentlich für jeden ersichtlich seinen Wohnort, garniert mit Links zu Instagram oder Snapchat. Dasselbe Mädchen, das sich live Kommentaren wie "zeig ma deinen ausschnitt" und "zeig mal deine scheide" ausgesetzt sieht, zeigt sich auf Instagram nackt in ihre Bettdecke gehüllt. Hashtag "müde".

Einen Klick weiter landet der anonyme Nutzer auf einer Kleidertauschbörse. Das unbekannte Mädchen trägt Größe "S", bezeichnet sich selbst als "Fashion Lover" und bloggt unter dem gleichen Usernamen über Mode. Eine einfache Google-Abfrage offenbart ihren Klarnamen. Das Mädchen ist nicht länger eine Unbekannte. Unter ihrem Namen twittert sie öffentlich über ihr Gefühlsleben - und darüber, wo sie sich gerade aufhält. Die Recherche hat keine zwei Minuten gedauert.


YouNow offenbart ein bekanntes Problem
Der Umstand, dass Menschen wissentlich oder unwissentlich gefährlich viele Informationen im Netz über sich verbreiten, ist freilich nicht neu. Mit YouNow wird es nur noch einfacher und unmittelbarer. Ohne vorherige Registrierung kann jeder mitgucken. Ein Paradies für Pädophile. Gerade Minderjährige scheinen dies zu unterschätzen, plaudern vor laufender Kamera frei über ihre Familie, Freunde, Hobbys und verraten während der Übertragung sogar ihre Handynummer oder wo genau sie zur Schule gehen.

Was im Live-Stream einmal gesagt ist, lässt sich nicht mehr korrigieren. Und im Wettkampf um Anerkennung und Aufmerksamkeit lassen sich viele Jugendliche zu denkwürdigen Aktionen hinreißen. Wer positive Bewertungen bekommt, wird bekannter. Privatsphäre aus, positives Ranking an.


Datenschützer warnen vor der Videoplattform
Dass Datenschützer zu Recht vor Verletzungen von Bild- und Persönlichkeitsrechten warnen, ist nicht weiter verwunderlich. Viele Nutzer streamen von unterwegs oder direkt aus dem Klassenzimmer- wer nicht aufpasst, wird unfreiwillig Star im nächsten Broadcast.

Zwar hat sich das YouNow-Team jüngst zu Vorwürfen und Bedenken in der Presse geäußert und schreibt im firmeneigenen Blog, dass ein ständig wachsendes Team von Moderatoren 24 Stunden am Tag Streams überprüft und Nutzerverstöße mit Verbannung bestraft - dem unaufhörlichen Datenstrom ist jedoch augenscheinlich nicht Herr zu werden.