Bamberg
Ökonomie

Sharing-Trend: Haben und Teilen

In den Augen ihrer Anhänger bricht die Sharing Economy mit den Bedingungen des gegenwärtigen Wirtschaftens und Konsumierens. Die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Kapitalismus könnte sich dennoch als trügerisch erweisen.
 
Die Speisung der Fünftausend kann mit ein wenig religiöser Inspiration als christliche Ur-Szene des Sharing-Gedankens gelten. Mit nur fünf Broten und zwei Fischen soll Jesus 5000 Männer, Frauen und Kinder gesättigt haben. Teilen schmälert nicht den Besitz, sondern vermehrt ihn stattdessen - so lässt sich diese Bibelstelle interpretieren. Foto: p
Die Speisung der Fünftausend kann mit ein wenig religiöser Inspiration als christliche Ur-Szene des Sharing-Gedankens gelten. Mit nur fünf Broten und zwei Fischen soll Jesus 5000 Männer, Frauen und Kinder gesättigt haben. Teilen schmälert nicht den Besitz, sondern vermehrt ihn stattdessen - so lässt sich diese Bibelstelle interpretieren. Foto: p
Motive Der Grundgedanke hinter der Sharing Economy ist, dass Privatleute Güter teilen, um damit nachhaltiger zu wirtschaften und zu konsumieren. Wenn Autos, Geräte oder auch Räume gemeinschaftlich genutzt werden, sinkt der Verbrauch von Ressourcen. Es müssen zudem weniger Güter nachproduziert werden, weil bestehende länger genutzt werden.

Konsum 23,5 Prozent der Deutschen zählen sich zur Gattung der Ko-Konsumenten. So steht es in der Studie "Auf dem Weg in eine neue Konsumkultur". Verfasst hat sie der Paderborner Professor Harald Heinrichs.

Typen In seiner Studie hat Heinrichs vier Konsumtypen identifiziert, von denen zwei dem Teilen und Tauschen näherstehen. Der soziale Typus ist demnach besser gebildet, verfügt über ein höheres Einkommen und pflegt nachhaltige und postmaterialistische Wertvorstellungen.
Zwischenmenschliche Beziehungen und eine gesunde Umwelt sind ihm wichtiger als Besitz und Konsum. Heinrichs zählt etwa ein Viertel der deutschen Bevölkerung zu diesem Konsumtypen.

14 Prozent der Bevölkerung bezeichnet Heinrichs dagegen als Konsumpragmatiker. Diese tauschten und teilten weniger aus weltanschaulichen, sondern aus finanziellen Motiven. Mit dem Teilen und Tauschen wollen sie Geld sparen.

Ressourcen Ob die Teilnehmer der Sharing Economy tatsächlich weniger Ressourcen verbrauchen, ist keineswegs ausgemacht. Es gibt Gründe, in diesem Punkt eher skeptisch zu sein. Wer auf der einen Seite spart, gibt häufig an anderer Stelle umso mehr aus. Wer ein Auto nur leiht, würde es in diesem Sinn umso häufiger nutzen. Wer sein Zimmer mit Airbnb bucht, spart Geld und kann deshalb häufiger reisen. Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang vom Rebound-Effekt.

Technik Wahrscheinlich haben die Menschen Dinge schon seit jeher geteilt und getauscht. Das Internet und neue Kommunikationstechniken wie Apps ermöglichen es ihnen allerdings, den Kreis potenzieller Tauschpartner weit über das direkte soziale Umfeld auszudehnen.

Ideologie Der Sharing Economy liegt grundsätzlich ein libertärer Ansatz zugrunde. In dessen Mittelpunkt steht das Ideal des freien Unternehmers. Der Staat dagegen soll sich so weit wie nur möglich heraushalten, damit sich der Unternehmer entfalten kann. Regulierungen, Standards und Gewerkschaften sind Libertären ein Graus.

Vertrauen Die wichtigste Ressource beim Teilen ist das Vertrauen. Wer teilt, muss darauf vertrauen können, dass das Gegenüber gut mit dem betreffenden Gegenstand umgeht und ebenso an dessen gleichberechtigter Nutzung interessiert ist. Angebote, bei denen beide Parteien bewertet werden, kommen mit weniger Vertrauen aus.

Zugang Wichtiger als Besitz ist der Zugang. Das behauptet der Wirtschaftswissenschaftler Jeremy Rifkin. In seinem im Jahr 2000 erschienenen Buch "Access" erklärt der US-Ökonom das Industriezeitalter für beendet. Der schnelle und ungehinderte Zugriff auf Güter, Dienstleistungen und Informationen zähle heute mehr als der dauerhafte Besitz von Dingen.

Einstellung Etwas zu leihen statt es zu kaufen, können sich laut einer Umfrage des GfK-Vereins zur Konsumforschung 46 Prozent der Deutschen vorstellen. Den eigenen Besitz mit anderen zu teilen, ist für 43 Prozent denkbar.

Markt Inzwischen haben sich Teile der Sharing Economy in einen lukrativen Markt mit aggressiven Teilnehmern und großen Profitmargen verwandelt. Die schillernsten Beispiele für diese Entwicklung sind sicherlich Airbnb und Uber. Im vergangenen Jahr beispielsweise erhielt Uber 1,2 Milliarden Dollar Risikokapital von Investoren wie der Investmentbank Goldmann Sachs oder Google.

Plattform Der Blogger Sacha Lobo spricht im Zusammenhang mit der Sharing Economy von einem begrifflichen Missverständnis: "Was man Sharing-Ökonomie nennt, ist nur ein Aspekt einer viel größeren Entwicklung, einer neuen Form des digitalen Kapitalismus: Plattform-Kapitalismus." Dominiert werde auch diese Form des Kapitalismus weiter von großen Konzernen.

Unternehmen Die größten Marktakteure auf dem Feld der Sharing Economy sind: Airbnb (Buchung und Vermietung von Privatunterkünften), Couchsurfing (Austausch von Schlafplätzen), Uber (App für Fahrten mit dem Taxi), Tauschticket (Börse für Bücher, Spiele und Filme), Kleiderkreisel (Tausch und Verleih von Kleidern).

Steroide Der Internet-Vordenker Evgeny Morozov bezeichnet die Sharing Economy als "Neoliberalismus auf Steroiden". Sie monetarisiere ursprünglich freundschaftliche und selbstlose menschliche Beziehung wie das Teilen, Tauschen oder Leihen. Die Sharing Economy verwandle den Mensch nun auch privat in ein Wirtschaftssubjekt, das pausenlos werben, kalkulieren und konkurrieren müsse.


Gewerkschaften
Auch die deutschen Gewerkschaften beobachten die Sharing Economy mit Argwohn. Sie zerstöre Vollbeschäftigung und höhle die Rechte der Arbeitnehmer aus.

Zerstörung Wahrscheinlich vollzieht sich mit der Sharing Economy nur ein weiteres Mal das, was der österreichische Nationalökonom Joseph Schumpeter (1883-1950) unter "schöpferischer Zerstörung" verstanden hat. Innovationen verdrängen und zerstörten bestehende wirtschaftliche Strukturen. Schumpeter begrüßte diesen Prozess, weil nur im Verdrängen des Alten durch das Neue Fortschritt und Wachstum überhaupt möglich sei.